… und nach außen die perfekte Ehefrau gespielt.“
Bei Betriebsfeiern und Abenden mit Freunden setzte ich mein strahlendstes Lächeln auf. Ich tat so, als wäre ich glücklich, während du mir an Feiertagen teuren Schmuck oder Reisen überreichtest – Geschenke, die nicht einmal von dir ausgesucht worden waren, sondern von deiner Assistentin. Die Quittungen habe ich gesehen. Und als dann vor drei Jahren auch noch die Sache mit Alina Schuster begann, wurde mir endgültig klar: Du wirst dich nie ändern. Also musste ich anfangen, an mich zu denken.“
In Tobias Reinhardts Stimme vibrierte plötzlich Zorn. „Und dafür hast du ein halbes Jahr gebraucht? Um zu planen, wie du mich vor die Tür setzt und mir alles wegnimmst?“
„Nein“, entgegnete Katharina ruhig. „Diese sechs Monate habe ich genutzt, um den Mut für einen Neuanfang zu sammeln. Ein Leben ohne dich. Ohne Lügen. Ohne dieses ewige Hoffen, dass du mich irgendwann wahrnimmst, respektierst, vielleicht sogar liebst. Was das Vermögen betrifft – das ist keine Rache, sondern Ausgleich. Du hast doch immer betont, es sei dein Geld gewesen. Also nehme ich jetzt meines.“
Sie wandte sich ab und ging zu dem Wagen, der ein paar Meter entfernt parkte. Tobias blieb zurück und starrte ihr nach, während sich in ihm eine bleierne Leere ausbreitete.
„Du wirst es bereuen!“, rief er ihr hinterher. „Du endest allein! Niemand wird dich wollen!“
Katharina drehte sich noch einmal um. Auf ihren Lippen lag ein Lächeln – kein höfliches, kein aufgesetztes, sondern ein echtes.
„Weißt du, Tobias, vielleicht bleibe ich tatsächlich allein. Aber selbst das wäre besser, als neben dir zu stehen und mich einsamer zu fühlen als je zuvor.“
Dann stieg sie ein und fuhr davon. Er blieb auf dem Gehweg zurück und sah zu, wie die roten Rücklichter in der Dämmerung verschwanden.
Zwei Monate später war die Scheidung rechtskräftig. Katharina hatte keine Zeit verloren und alle Unterlagen zügig eingereicht. Tobias erhielt eine Million Euro als Ausgleich für die Wohnung und zog in ein kleines Mietapartment am Stadtrand. Das Wochenendhaus wurde verkauft; sein Anteil brachte ihm weitere eineinhalb Millionen ein.
Mit zweieinhalb Millionen ließe sich eigentlich gut leben. Doch Tobias hatte etwas übersehen: Katharina hatte belastbares Material über „TechnoBau“ gesammelt. Sie selbst erstattete zwar nicht sofort Anzeige, doch die Informationen fanden ihren Weg zu den geprellten Kunden.
Drei Klagen gleichzeitig. Gerichtstermine, Anwälte, endlose Verhandlungen. Am Ende stand ein Urteil über drei Millionen Euro Schadenersatz. Tobias musste alles abgeben, was er aus der Scheidung erhalten hatte – und blieb zusätzlich auf einer halben Million Schulden sitzen.
Die Firma war nicht mehr zu retten. Sein Geschäftspartner setzte sich ins Ausland ab und ließ ihn mit dem Scherbenhaufen allein. Eine neue Anstellung zu finden erwies sich als nahezu unmöglich; sein Ruf war ruiniert, und in Leipzig sprach man darüber.
Er versuchte, Alina zu erreichen. Nachdem er ihr jedoch im ersten Gespräch gestanden hatte, dass sein Vermögen verschwunden war, reagierte sie nicht mehr auf seine Anrufe. Die Wohnung, die er für sie gemietet hatte, stand eine Woche später leer.
Nun saß Tobias in seinem Einzimmerapartment, blickte auf den grauen Innenhof und begriff, wie rasch ein scheinbar festes Leben zerbröseln kann. Vor drei Monaten hatte er noch alles gehabt: Familie, Eigentum, ein florierendes Unternehmen, eine Geliebte. Jetzt war nichts davon geblieben.
Das Telefon klingelte. Unbekannte Nummer.
„Hallo?“
„Spreche ich mit Tobias Reinhardt?“
„Ja.“
„Hier ist die Vollstreckungsstelle. Gegen Sie liegt ein offener Betrag aus mehreren Titeln vor …“
Er schloss erschöpft die Augen.
Zur selben Zeit saß Katharina in der Küche jener Wohnung, in der sie dreiundzwanzig Ehejahre verbracht hatte, und trank Kaffee. Jetzt gehörte sie nur noch ihr und Lukas Hartwig. Sie hatte renovieren lassen, alte Möbel entsorgt, alles entfernt, was an Tobias erinnerte, und sich neu eingerichtet.
Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von einer Freundin: „Katharina, bleibt es bei morgen Abend?“
Sie lächelte und tippte zurück: „Natürlich. Sag mir nur die Uhrzeit.“
Als sie das Display ausschaltete, sah sie ihr Spiegelbild darin. Zweiundfünfzig Jahre. Und noch so viel Zeit vor ihr. Zum ersten Mal würde es wirklich ihr eigenes Leben sein – ohne Demütigungen, ohne Verrat, ohne das ständige Wegsehen.
Ja, es hatte wehgetan. Ja, die Angst war groß gewesen. Nächtelang hatte sie geweint, während sie Beweise sammelte und sich auf das Gespräch vorbereitete. Doch sie hatte den Schritt gewagt. Sie hatte den Kreis durchbrochen, in dem sie mehr als zwei Jahrzehnte die bequeme, stille, verzeihende Ehefrau gespielt hatte.
Und nun spürte sie etwas, das sie fast vergessen hatte: Freiheit. Keine Furcht mehr vor seinen Ausreden, keine Erniedrigung durch seine Gleichgültigkeit, kein Selbstbetrug mehr, dass alles schon irgendwie normal sei.
Nein. So leben nicht alle. Und sie würde es auch nicht mehr tun.
Katharina stellte die leere Tasse in die Spüle und trat ans Fenster. Ein milder Frühlingsabend, zarte Knospen an den Bäumen. Ein Anfang. Ihr Anfang. Tobias mochte sich mit seinen Konsequenzen auseinandersetzen – sie hatte ihre dreiundzwanzig Jahre bezahlt.
Jetzt war es Zeit, für sich selbst zu leben.
