Tobias Reinhardt stellte seinen Wagen wie immer zwei Straßen weiter ab. Vorsicht war besser als Nachsicht. Nachdem er ausgestiegen war, strich er sich über den Hemdkragen und sog die kühle Abendluft tief ein. Obwohl die heimlichen Besuche bei Alina Schuster inzwischen seit drei Jahren zu seinem Alltag gehörten, raste sein Puls jedes Mal, sobald er an die Rückkehr in die eheliche Wohnung dachte.
Während er die Treppen hinaufstieg, bastelte er innerlich bereits an einer glaubhaften Ausrede. Eine ausgedehnte Teamsitzung? Die hatte er in letzter Zeit zu oft bemüht. Ein Termin mit einem Geschäftspartner? Möglich. Doch Katharina Brandt stellte neuerdings immer präzisere Fragen.
Das Schloss klickte leise, als er die Tür aufschloss. Tobias blieb einen Moment im Türrahmen stehen und lauschte. Kein Klappern aus der Küche, kein Fernseher im Wohnzimmer. Stille. Er schlüpfte aus den Schuhen und trat in den Flur.
„Kathi?“, rief er verhalten.
Keine Reaktion. Merkwürdig. Um diese Uhrzeit war seine Frau sonst verlässlich zu Hause – beim Kochen, beim Serienmarathon oder im Gespräch mit einer Freundin.

Er atmete auf. Ein unverhoffter Vorteil. Keine Lügen, keine gespielte Erschöpfung, kein gezwungenes Lächeln. Im Schlafzimmer legte er das Jackett ab – und bemerkte erst jetzt das gefaltete Blatt Papier auf dem Bett.
Ein ungutes Gefühl schnürte ihm die Kehle zu. Mit unsicheren Fingern nahm er den Zettel und schlug ihn auf.
„Tobias. Das Essen steht im Kühlschrank. Ich bin bei meiner Mutter. Morgen Abend komme ich zurück. Wir müssen reden. Katharina.“
Sachlich, knapp, ohne die kleinen Herzchen, mit denen sie sonst ihre Nachrichten verzierte. „Wir müssen reden.“ Die Worte trafen ihn wie ein Schlag in die Magengrube.
Sie weiß es. Aber wie? Seit wann? Er war doch stets so bedacht gewesen.
Er ließ sich auf die Bettkante sinken, das Papier noch immer in der Hand. Dreiundzwanzig Ehejahre. Ihr Sohn studierte im dritten Semester in Leipzig. Die Eigentumswohnung – gemeinsam angeschafft. Das Wochenendhaus ebenso. Der Wagen …
Sein Handy. Er musste sie anrufen.
Er wählte ihre Nummer. Freizeichen. Keine Antwort. Noch ein Versuch. Wieder nur das monotone Tuten, bis die Mailbox sich meldete.
„Verdammt“, murmelte er und warf das Telefon aufs Bett.
Am folgenden Tag war an konzentriertes Arbeiten nicht zu denken. Alle paar Minuten starrte er auf das Display, hoffte auf eine Nachricht. Nichts. Er schrieb ihr, rief erneut an – vergeblich.
Kurz vor sechs war er bereits zu Hause und lief ruhelos durch die Wohnung. Um halb acht drehte sich schließlich der Schlüssel im Schloss. Katharina trat ein.
Tobias musterte ihr Gesicht. Sie wirkte gefasst. Zu gefasst. Ohne ihn anzusehen, hängte sie die Jacke auf und ging in die Küche.
„Kathi, was ist los? Warum gehst du nicht ans Telefon?“, folgte er ihr.
„Setz Wasser auf“, sagte sie ruhig und zog eine Mappe aus ihrer Tasche. „Wir setzen uns. Es wird Zeit.“
Er gehorchte, spürte, wie ihm ein kalter Schauer den Rücken hinablief. Sie nahm ihm gegenüber Platz, legte die Mappe auf den Tisch und sah ihm direkt in die Augen.
„Drei Jahre, Tobias. Seit drei Jahren triffst du dich mit dieser … Alina“, sagte sie mit erstaunlich fester Stimme. „Dachtest du wirklich, ich würde es nicht bemerken?“
„Kathi, ich—“
„Nicht jetzt“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich rede. Du hörst zu. Danach kannst du versuchen, dich zu erklären.“
Er schluckte. Diese Frau war ihm fremd. Die sonst so nachgiebige, verständnisvolle Katharina saß aufrecht vor ihm, kühl und entschlossen, als hätte sie innerlich längst abgeschlossen.
„Ich habe es vor sechs Monaten herausgefunden“, fuhr sie fort. „Reiner Zufall. Dein Handy war leer, du wolltest mit meinem telefonieren. Und dann sah ich die Nachrichten – alles synchronisiert in deiner Cloud.“
„Warum hast du nichts gesagt?“, brachte er mühsam hervor.
„Weil ich sicher sein wollte. Weil ich gehofft habe, du würdest von selbst zur Vernunft kommen. Und weil ich Zeit brauchte, um mich vorzubereiten.“ Sie öffnete die Mappe und zog Unterlagen hervor. „Hier – deine Überweisungen auf ihr Konto. Monatlich fünfundzwanzigtausend Euro. Seit fast einem halben Jahr.“
Tobias wurde blass.
„Und das hier“, sie schob ihm ein weiteres Dokument hin, „der Mietvertrag für die Wohnung in der Belinistraße. Hauptmieter: Tobias Reinhardt. Bewohnerin: Alina Schuster. Einzimmerwohnung. Dreißigtausend Euro Kaltmiete.“
„Woher hast du das alles?“
„Das spielt keine Rolle“, erwiderte sie scharf. „Entscheidend ist, dass ich Bescheid weiß. Und weißt du, was mich am meisten verletzt hat? Nicht einmal der Betrug. Nicht die Lügen. Sondern dass du unser gemeinsames Geld für deine Affäre ausgegeben hast.“
„Ich verdiene es doch! Das ist mein Einkommen!“
Ein frostiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Dein Einkommen? Wirklich?“ Sie lehnte sich zurück. „Dann hör mir jetzt genau zu. Diese Wohnung gehört uns beiden. Sie ist unser gemeinsam erworbenes Vermögen“
