„Es wird keine Hochzeit geben“ — sagte Johanna entschlossen und verließ die Wohnung

Verlogene Fürsorge offenbart ekelhafte Selbstsucht.
Geschichten

Vor ihrem inneren Auge zerfielen in Sekundenschnelle all die Entwürfe eines gemeinsamen Morgen. Wie Glassplitter schossen Bilder durch ihren Kopf: das cremefarbene Kleid, das sie erst vor wenigen Tagen gemeinsam ausgesucht hatten, ihr halb ernst gemeinter Streit darüber, ob es nach Italien oder doch lieber an die Nordsee gehen sollte, seine schwärmerische Zusage, sie „für immer auf Händen zu tragen“.

Und über diese hellen, fast kitschigen Szenen legte sich nun eine andere Vision – scharf, unerbittlich, ohne jede Weichzeichnung. Sie sah sich selbst nach einem langen Arbeitstag nicht in ihre eigene Wohnung fahren, sondern in die stickige Zwei-Zimmer-Wohnung seiner Mutter, in der es nach Salben, abgestandener Luft und Alter roch. Sie spürte das Ziehen im Rücken, während sie einen gebrechlichen Körper anhob, hörte das Rascheln von Einlagen, fühlte die Erschöpfung in ihren Gliedern. Und in diesem Bild existierte Sebastian Krause nicht. Er war abwesend – irgendwo in ihrer gemeinsamen Wohnung, wartete auf sein Abendessen und ging selbstverständlich davon aus, dass „seine Frau“ ihre Pflicht erfüllte.

Ein bitteres Lächeln huschte über Johannas Gesicht. Es hatte nichts Heiteres an sich. Es klang eher wie das leise Reißen einer überdehnten Saite.

„Meine Pflicht?“, wiederholte sie langsam. In ihrer Stimme lag nun eine Härte, die vorher nicht da gewesen war. „Du meinst also, ich heirate dich, um als unbezahlte Pflegekraft für deine Mutter zu enden? Um sie zu waschen, ihr das Essen einzugeben und ihr Windeln zu wechseln, bis sie stirbt? Ist das deine Vorstellung von einer glücklichen Ehe?“

Sebastian verzog das Gesicht. Mit einem solchen Widerstand hatte er offensichtlich nicht gerechnet. In seiner Vorstellung fügten sich die Dinge anders: eine Frau akzeptierte ihre Rolle – ohne Diskussion.

„Jetzt übertreibst du maßlos“, entgegnete er scharf. „Es geht um meine Mutter! Sie hat mich großgezogen, sie hat Nächte durchgemacht—“

„Erspar mir bitte die Heldengeschichten“, schnitt Johanna ihm das Wort ab. „Ich rede von meinem Leben. Von unserem Leben – falls es das überhaupt geben soll. Oder wird es nur dein Leben geben, mit deiner Mutter im Zentrum, und ich darf als dankbare Hilfskraft am Rand funktionieren?“

Er umrundete den Tisch und stützte sich mit beiden Händen auf die Platte, sodass er auf sie herabblicken konnte. Diese Haltung wählte er gern, wenn er die Oberhand behalten wollte.

„Das nennt man Familie“, sagte er mit Nachdruck. „Respekt gegenüber den Eltern. In anständigen Familien ist das selbstverständlich. Die Ehefrau kümmert sich um ihren Mann und um seine Angehörigen. Mein Vater hat seine Mutter bis zuletzt gepflegt, und meine Mutter stand ihm zur Seite. Niemand hat das infrage gestellt. Aber du…“ Er schnaubte leise. „Du scheinst nur an dein bequemes Leben zu denken.“

Seine Worte waren gezielt gesetzt, kleine, giftige Spitzen. Er wollte sie treffen, ihr Schuldgefühle einreden. Doch es war zu spät. In ihr breitete sich eine kalte Entschlossenheit aus, Schicht um Schicht, wie Eis auf einem See.

„Ja“, antwortete sie ruhig und hielt seinem Blick stand, „ich bin wohl anders gestrickt. Für mich bedeutet Ehe eine Partnerschaft auf Augenhöhe, kein Vertrag über lebenslange Dienstbarkeit. Ich dachte, ich heirate einen Mann, mit dem ich gemeinsam etwas aufbaue. Stattdessen sitze ich offenbar in einem Bewerbungsgespräch für die Stelle als Pflegerin – ohne Gehalt und ohne Feierabend.“

„Hör auf mit diesem Unsinn!“ Seine Hand schlug auf die Tischplatte, nicht fest genug, um Schaden anzurichten, aber deutlich genug, um seinen Ärger zu markieren. „Du suchst doch nur Ausreden! Es geht um ein, zwei Stunden am Tag!“

„Ein, zwei Stunden?“ Ihre Augen verengten sich. „Täglich? Nach meinem Job? Und am Wochenende vermutlich auch? Wann genau sollen wir dann ein Paar sein, Sebastian? Oder stellst du dir unsere Abende so vor: Du sitzt vor dem Fernseher, und ich melde dir telefonisch, ob ich Cäcilia Otto rechtzeitig gewickelt habe?“

Der Sarkasmus in ihren Worten war so schneidend, dass er einen Moment lang verstummte. Er starrte sie an, als hätte sie eine fremde Sprache gesprochen. In seinem Weltbild war alles folgerichtig: Er war der Mann. Sie seine Frau. Seine Mutter ein Teil von ihm. Also war es nur logisch, dass seine Frau sich auch um diesen Teil kümmerte. So einfach wie eine Rechenaufgabe.

„Ich dachte, du liebst mich“, sagte er schließlich und griff nach dem letzten Mittel, das ihm blieb.

Johanna schüttelte langsam den Kopf.

„Das habe ich auch geglaubt“, erwiderte sie leise. „Aber heute begreife ich, dass du keine Liebe suchst. Du suchst Bequemlichkeit. Einen Zusatznutzen für dein angenehmes Leben. In deiner Definition heißt Liebe offenbar, dass ich widerspruchslos alles akzeptiere, was du bestimmst. Doch das ist keine Liebe, Sebastian. Das ist Ausnutzung.“

Das Wort traf ihn sichtbar. Es wirkte wie eine Ohrfeige. Sebastian wich einen Schritt zurück, als hätte sie ihn tatsächlich geschlagen, und für einen Sekundenbruchteil flackerte Unsicherheit in seinem Blick auf, bevor…

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