Zwischen den zusammengelegten Sachen lagen Luisas drei Märchenbücher, außerdem eine zierliche Porzellanplatte – jene Platte ihrer Mutter, auf der früher sonntags der Kuchen aus der Küche getragen worden war – und zwei Geschirrtücher.
„Das war die Servierplatte meiner Mutter“, sagte Clara. Ihre Stimme klang fremd in ihren eigenen Ohren, spröde und flach, wie ein Brett, das zu lange in der Sonne gelegen hatte.
„Ach so? Das wusste ich nicht, mein Schatz. Dann stelle ich sie natürlich zurück.“
Sabine ging wieder in die Küche, legte das Stück auf die Arbeitsfläche – doch die Tasche behielt sie bei sich. Clara sagte nichts wegen der Bücher. Hätte sie etwas gesagt, wäre wieder dieser eine Satz gefallen: „Ich wollte doch nur helfen.“ Und sie spürte genau, dass in ihr etwas unwiderruflich zerbrechen würde, sollte sie das noch ein einziges Mal hören.
Am Abend sprach sie Sebastian Heinrich darauf an. „Deine Mutter war heute hier, als ich nicht da war. In ihrer Tasche war die Platte meiner Mutter.“
„Aber sie hat sie doch dagelassen, oder?“ Er sah nicht einmal von seinem Handy auf.
„Weil ich sie dabei erwischt habe.“
„Clara, bitte. Meine Mutter ist siebzig und lebt allein. Man muss daraus keinen Feldzug machen.“
„Ich führe keinen Feldzug. Ich erwarte nur, dass man mich fragt, bevor man Dinge aus meiner Wohnung mitnimmt.“
„Aus unserer Wohnung“, korrigierte er – zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate. Und sie hörte deutlich, dass dieses „unser“ nicht Verbundenheit meinte, sondern Besitzverhältnisse, in denen sie selbst weniger Gewicht hatte.
Ein paar Wochen später, an einem Dienstagnachmittag, öffnete sie Luisas Kleiderschrank. Der rosafarbene Mantel war verschwunden. Ebenso die Stiefel. Und drei Pullover fehlten.
„Mama hat sie mitgenommen“, erklärte Sebastian, noch bevor Clara etwas sagen konnte. „Das Nachbarsmädchen kann sie gebrauchen. Luisa ist sowieso rausgewachsen.“
„Nein, ist sie nicht.“
„Doch. Mama meinte, es spannt an den Schultern.“
Clara stand vor dem offenen Schrank, die Hände an den Türen, und merkte, wie sich ihr Hals zuschnürte. „Ich habe den Mantel vor zwei Monaten gekauft. Achtzehntausend Forint.“
„Trotzdem passt er nicht mehr.“
„Er passt. Und selbst wenn nicht – ich habe ihn gekauft. Luisa hing an ihm. Gestern hat sie mich gefragt, wo er ist.“
„Und was hast du geantwortet?“
„Dass ihre Oma ihn geholt hat. Weil das die Wahrheit ist.“
Sebastian stieß einen langen Atemzug aus – diesen speziellen Seufzer, der bedeutete, dass er sich für den Einzigen hielt, der hier vernünftig blieb. „Clara. Meine Mutter meint es gut. Warum versteifst du dich so darauf?“
Doch Clara verstand sehr wohl. Sie verstand, dass Sabine nie fragte. Dass Sebastian sie nicht informierte. Dass es längst nicht mehr um einen Mantel ging. Sondern darum, dass sie in ihrem eigenen Haushalt nichts zu entscheiden hatte – weder, was blieb, noch, was verschwand. Sie schloss die Schranktüren und ging wortlos in die Küche zum Abwasch.
Dann fehlte der Lederetui aus ihrem Nachttisch.
An einem Sonntagabend zog sie die Schublade auf – und es war nicht mehr da. In dem kleinen Etui hatte sie die letzte Postkarte ihrer Mutter aufbewahrt, vom Balaton, Sommer 1998: „Meine liebste Tochter, das Wasser ist warm, und der Sonnenuntergang ist wunderschön.“ Dazu zwei Fotos: das Hochzeitsbild ihrer Eltern und eine Aufnahme, auf der sie selbst fünf Jahre alt war, lachend auf dem Schoß ihrer Mutter.
„Keine Ahnung“, sagte Sebastian später am Telefon aus der Garage. „Vielleicht hast du es verlegt.“
„Nein. Es lag seit fünf Jahren in dieser Schublade.“
„Vielleicht hat Luisa damit gespielt.“
„Luisa geht nicht an meinen Nachttisch. Das weißt du genau.“
Am anderen Ende entstand eine Pause. Schließlich sagte er: „Ich rufe meine Mutter an.“
Dreißig Minuten später klingelte ihr Handy. Seine Stimme klang ungewöhnlich beschwingt. Zu beschwingt.
„Mama meinte, als sie neulich sauber gemacht hat, hat sie alte Papiere und Fotos eingesammelt. Es war wohl etwas chaotisch. Die Sachen sind bei ihr. Sicher verwahrt.“
„Ich habe sie nicht gebeten, hier aufzuräumen.“
„Sie wollte dir Arbeit abnehmen.“
„In diesem Etui war der letzte Brief meiner Mutter, Sebastian. Den Ring, den sie mir auf dem Sterbebett gegeben hat, habe ich ebenfalls dort aufbewahrt – in der kleinen Schachtel, die deine Mutter gestern mitgenommen hat. Nennst du das auch Hilfe?“
Er schwieg. Dann, vorsichtiger: „Es ist doch nichts verloren. Mama passt darauf auf. Wo liegt also das Problem?“
Clara beendete das Gespräch. Sie setzte sich auf die Bettkante, legte die Hände in den Schoß. Keine Tränen. Sie dachte: Wenn ich schreie, heißt es, ich übertreibe. Wenn ich weine, bin ich hysterisch. Wenn ich schweige, verschwindet morgen wieder etwas. Also werde ich weder schreien noch schweigen. Ich werde anders handeln.
Sie wartete, bis Sebastian eingeschlafen war. Dann ging sie ins Wohnzimmer, schaltete die Stehlampe ein und holte ein altes Schulheft hervor. Aus dem Gedächtnis begann sie aufzuschreiben, was in den vergangenen drei Jahren nach und nach verschwunden war.
Käse, Butter, Aufschnitt – jede Woche ein bisschen. Grob geschätzt zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend Forint im Monat. Fast eine Million in drei Jahren.
