Konrad nahm die Unterlagen entgegen und überflog sie sorgfältig. Mit jeder Zeile verhärteten sich seine Gesichtszüge.
„Mama …“, begann er schließlich mit gedämpfter Stimme, „Johanna hat recht.“
Dorothea Krüger starrte ihn an, als hätte sie sich verhört. „Wie bitte?“
„Du bist zu weit gegangen.“ Sein Blick blieb ruhig, aber bestimmt. „Das hier ist ihr Zuhause. Unser Zuhause. Unsere Familie.“
Es traf sie sichtbar. Sie schwankte einen Moment, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen entzogen.
„Also entscheidest du dich für sie?“ Ihre Stimme überschlug sich.
„Ich stehe zu meiner Frau. Und zu meinem Kind.“
Ein scharfes Lachen entwich ihr. „Wunderbar.“ Hastig griff sie nach ihrer Handtasche und marschierte in den Flur. „Wenn sie dich eines Tages vor die Tür setzt, brauchst du bei mir nicht angekrochen zu kommen!“
„Sobald Sie akzeptieren, dass es Grenzen gibt, sind Sie willkommen“, erwiderte Johanna ruhig. „Wenn nicht, dann eben nicht.“
Die Wohnungstür fiel mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Danach breitete sich eine Stille aus, die beinahe körperlich spürbar war.
„War das nicht etwas hart?“ Konrad zog Johanna in seine Arme. „Sie meint es doch nur—“
„Sie hat Stück für Stück Besitz ergriffen“, unterbrach Johanna leise und lehnte den Kopf an seine Schulter. „Noch ein Jahr, und sie bestimmt, wann und wie wir unser Kind füttern. Zwei Jahre, und sie wählt die Schule aus.“
Er seufzte. „Und wenn sie jetzt gar nicht mehr kommt?“
„Sie wird kommen“, sagte Johanna mit ruhiger Gewissheit. „Sobald sie versteht, nach welchen Regeln hier gespielt wird.“
Vier Wochen später klingelte das Telefon. Dorotheas Stimme klang ungewohnt verhalten.
„Dürfte ich … vielleicht vorbeischauen? Nur um zu sehen, wie es euch geht.“
„Gern. Morgen am Nachmittag?“
Ein kurzes Zögern. „Und … darf ich dem Kleinen etwas mitbringen?“
„Natürlich. Was bleibt, entscheiden wir.“
„Verstanden.“
Am nächsten Tag erschien sie mit einem kleinen Stofftier und einem Strauß Blumen. Sie zog im Eingangsbereich ordnungsgemäß die Schuhe aus und fragte, ob sie das Kinderzimmer betreten dürfe.
Ihr Blick glitt über die frisch gestrichenen, warm gelben Wände. „Ihr habt renoviert.“
„Ja. In unserer Farbe.“
Nach einer Pause nickte sie. „Es wirkt freundlich. Geborgen.“
Beim Tee blieb das Gespräch vorsichtig, beinahe tastend. Doch zum ersten Mal seit drei Jahren lag kein unterschwelliger Kampf in der Luft.
Als sie sich zum Gehen wandte, fragte sie zögernd: „Darf ich ab und zu kommen? Wenn das Baby da ist?“
„Gern“, antwortete Johanna. „Mit Einladung.“
Dorothea nickte langsam. „Mit Einladung.“
Nachdem sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, lehnte sich Johanna dagegen. In ihrem Bauch regte sich das Baby kräftig, fast ausgelassen.
Sanft legte sie die Hand auf ihren Bauch. „Jetzt sind wir wirklich zu Hause, mein Schatz“, flüsterte sie. „In einem Zuhause, das deine Mama beschützt.“
Im gelben Kinderzimmer bewegten sich die Vorhänge mit den kleinen Hasenmustern sacht im Luftzug – genau jene, die sie an dem Tag ausgesucht hatten, als sie erfuhren, dass du unterwegs bist.
