„Verschwinde aus meinem Haus!“ hatte Dorothea Krüger gebrüllt – in meinem eigenen Wohnzimmer. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte: Am Ende würde man ausgerechnet sie als Erste vor die Tür setzen.
Johanna Hartmann saß gerade auf dem Sofa und faltete winzige Strampler, als sich plötzlich der Schlüssel im Schloss drehte. Ihr Herz stolperte. Konrad war noch im Büro, und den Ersatzschlüssel besaß ausschließlich ihre Schwiegermutter – „für Notfälle“, wie sie betonte. Nur dass Dorothea offenbar jeden gewöhnlichen Werktag als Katastrophenfall einstufte.
„Johanna? Wo steckst du denn?“
Johanna trat in den Flur und strich nervös über den Pullover, der sich inzwischen deutlich über ihren runden Bauch spannte. Dorothea stand bereits mitten im Raum, mehrere Tüten aus dem Baumarkt in den Händen, und hatte ihren Mantel schon halb abgestreift.
„Guten Abend, Frau Krüger.“

„Abend? Es ist fast Nacht“, brummte die Ältere und marschierte ungefragt ins Wohnzimmer, wobei ihr prüfender Blick über Möbel und Regale glitt, als führe sie eine Inspektion durch. „Und du sitzt natürlich wieder den ganzen Tag hier herum. Zu meiner Zeit haben wir bis kurz vor der Entbindung gearbeitet!“
In drei Ehejahren hatte Johanna gelernt, dass Widerspruch alles nur verschlimmerte. Sie lebten schließlich getrennt – warum also streiten?
„Ich habe etwas mitgebracht“, verkündete Dorothea und kippte mehrere Farbdosen demonstrativ auf das Sofa. „Ein schönes, kräftiges Blau. Nicht dieses gelbliche Etwas, das ihr ausgesucht habt.“
Johannas Blick blieb an den Dosen hängen. Zwei Wochen lang hatten sie und Konrad Farbkarten verglichen, Pläne geschmiedet, sich vorgestellt, wie ihr Sohn dort schlafen würde.
„Aber wir haben doch schon gestrichen …“
„Dann streicht eben noch einmal“, schnitt Dorothea ihr das Wort ab und steuerte zielstrebig auf das künftige Kinderzimmer zu. „Ein Junge braucht eine ordentliche Farbe. Nicht so ein unentschlossenes Zwischending.“
Mit verschränkten Armen blieb sie in der Tür stehen, die Miene streng wie die einer Bauleiterin.
„Furchtbar. Das Bettchen gehört nicht ans Fenster! Und diese Gardinen mit den Häschen – was soll das sein? Ein Kinderzimmer oder ein Spielzeugladen?“
„Uns gefällt es so“, sagte Johanna leise.
„Mir nicht. Und meinem Enkel wird es ebenfalls missfallen.“ Angeekelt zupfte Dorothea am Stoff. „Morgen wird hier alles umgestellt.“
Johanna schwieg, wie so oft. In ihrem Bauch trat das Baby, als wollte es gegen die Fremdbestimmung protestieren.
Konrad kam erst spät nach Hause. Johanna wartete in der Küche; die Farbdosen standen noch immer auf dem Tisch wie erbeutete Trophäen.
„War meine Mutter hier?“
„Sie hat Farbe gebracht. Sie will das Kinderzimmer neu streichen.“
Konrad presste Daumen und Zeigefinger an den Nasenrücken – ein sicheres Zeichen dafür, dass ihn das Thema belastete.
„Vielleicht … vielleicht ist Blau wirklich passender.“
Johanna sah ihn lange an. „Wir haben die Farbe doch gemeinsam ausgesucht.“
