Fünfzehn Minuten hatten genügt, um sein ganzes Leben aus den Angeln zu heben. Seine Sammlung – fort. Seine Ehe – am Ende. Sein Geheimnis – kein Geheimnis mehr.
Dabei hatte alles so harmlos begonnen. Ein paar Gespräche mit einer jüngeren Kollegin, belanglose Nachrichten, ein harmloses Mittagessen. Er hatte sich nur wieder spüren wollen – interessant, begehrenswert, lebendig. Ein kleiner Ausbruch aus der Monotonie des Alltags, aus dem nagenden Gefühl, dass die besten Jahre längst hinter ihm lagen. Und nun stand er vor den Trümmern von allem, was ihm je wichtig gewesen war.
Matthias zog sein Handy aus der Tasche. Auf dem Display leuchtete Noras letzte Nachricht auf: „Ich freue mich auf heute Abend. Wie immer.“
Wie sollte er ihr erklären, dass es dieses „wie immer“ nicht mehr gab? Dass sein Leben gerade krachend zusammengebrochen war?
Aus Ellas Zimmer war das Quietschen einer Tür zu hören. Kurz darauf erschien sie im Flur, verschlafen, die Haare zerzaust.
„Habt ihr gestritten?“, fragte sie vorsichtig und blickte zur Küche. „Ich habe euch laut reden hören.“
„Nein, Schatz“, erwiderte Matthias und zwang sich zu einem Lächeln, das sich falsch anfühlte. „Wir haben nur etwas Wichtiges besprochen.“
Ella runzelte die Stirn. „Mama ist in letzter Zeit irgendwie seltsam. Gestern war ein Mann hier. Sie haben lange in deinem Arbeitszimmer geredet.“
„Das war… beruflich“, brachte er mühsam hervor, während sich seine Kehle zuschnürte. Also war der Käufer hier gewesen. In seinem Haus. Hatte seine Alben durchgeblättert, die Marken geprüft, den Wert taxiert – bevor er sie mitnahm.
„Ich hoffe, bei euch ist alles okay“, sagte Ella und musterte ihn aufmerksam. „Du siehst ziemlich blass aus.“
„Alles gut“, log er. „Ich habe nur schlecht geschlafen. Zu viel Arbeit.“
Sie schien ihm nicht ganz zu glauben, beließ es aber dabei.
„Ich komme heute später nach Hause, wir haben Probe“, erklärte sie, während sie sich ein Glas Saft einschenkte. „Wartet nicht mit dem Essen.“
Nachdem sie gegangen war, blieb Matthias noch einen Moment reglos stehen. Dann ging er langsam in sein Arbeitszimmer. Der Schrank, in dem die Alben aufbewahrt worden waren, stand offen. Leere Regalbretter starrten ihm entgegen. Kein Ledergeruch mehr, kein Rascheln von Seiten. Nur auf dem Schreibtisch lag ein Umschlag mit Bankunterlagen – der Beleg über die vollständige Tilgung des Kredits.
Er ließ sich in den Sessel sinken. Die Sammlung war mehr gewesen als ein Hobby. Sein Vater hatte sie begonnen, lange bevor Matthias geboren wurde. Später hatten sie gemeinsam weitergesammelt, getauscht, katalogisiert. Jede einzelne Marke erzählte eine Geschichte. Nach dem Tod seines Vaters hatte Matthias sich geschworen, dieses Erbe zu bewahren und auszubauen.
Und nun war es verschwunden. Wegen seiner eigenen Schwäche.
Das Handy vibrierte erneut. Nora: „Ist alles in Ordnung? Du meldest dich gar nicht.“
Er starrte auf die Worte. Was empfand er wirklich für sie? War es Liebe? Oder bloß eine Schwärmerei, die seinem angekratzten Ego schmeichelte? Vielleicht hatte er sich nur beweisen wollen, dass er noch immer die Aufmerksamkeit einer jungen, attraktiven Frau gewinnen konnte. War das all die Opfer wert gewesen?
Als er aufsah, stand Johanna in der Tür. Sie hatte sich umgezogen, ihr Haar streng zurückgebunden, dezent geschminkt – bereit zu gehen.
„Ich fahre zu einem Anwalt“, sagte sie mit ruhiger Stimme. „Wir klären die Formalitäten der Scheidung. Du hast zwei Tage, um deine Sachen zu packen und auszuziehen.“
„Zwei Tage?“ Matthias sprang auf. „Und wohin soll ich gehen?“
„Zu deiner Geliebten“, entgegnete Johanna achselzuckend. „War das nicht genau das, was du all die Monate wolltest?“
„Ich wollte keine Scheidung“, sagte er leise. „Ich… habe den Überblick verloren.“
„Jetzt wird alles übersichtlicher“, antwortete sie. In ihrem Ton lag weder Wut noch Spott – nur eine tiefe, erschöpfte Müdigkeit, die mehr sagte als jeder Vorwurf.
