Die Einkaufsliste hatte Wilma Bauer – wie so oft – bequem per Nachricht an Elisa geschickt.
Als Elisa jedoch die Wohnung betrat, musste sie sich beherrschen. Am liebsten hätte sie ihrem Ärger sofort freien Lauf gelassen. Ein scharfer Kommentar lag ihr bereits auf der Zunge. Doch sie schluckte ihn hinunter. Stattdessen beschloss sie, zunächst abzuwarten und sich das Schauspiel anzusehen.
Im Wohnzimmer bot sich ihr ein erstaunliches Bild: Wilma saß kerzengerade auf dem Sofa, geschniegelt und geschniegelt wirkend, und amüsierte sich prächtig mit zwei langjährigen Freundinnen. Gelächter erfüllte den Raum, während die drei offenbar angeregt über irgendetwas Triviales plauderten.
„Ach, Elisa ist da! Wie schön. Was hast du mitgebracht? Die Medikamente? Hoffentlich alles von der Liste? Leg es einfach auf die Kommode, mein Kind“, rief Wilma mit auffallend munterer Stimme – kein Hauch von Schwäche war zu hören.
Elisa hob eine Augenbraue. „Ich sehe, es geht dir erstaunlich gut. Dann kann ich mir die Spritze wohl sparen?“
„Wie kommst du denn darauf? Natürlich bin ich nicht gesund!“, erwiderte Wilma theatralisch. „Aber meine Freundinnen haben es endlich geschafft, mich zu besuchen. Da wollte ich mich doch wenigstens ein bisschen zu ihnen setzen. Die Krankheit läuft mir ja nicht davon. Morgen ist auch noch Zeit, sich damit zu befassen.“
„Eine beeindruckende Einstellung“, entgegnete Elisa trocken. „Dann wünsche ich euch einen angenehmen Abend. Ich mache mich wieder auf den Weg.“
„Wie bitte?“ Wilmas Stimme bekam einen scharfen Unterton. „Du willst gehen? Und wer kümmert sich um das Essen? Wer deckt den Tisch, schneidet Käse, Wurst und Salat? Ab in die Küche mit dir! Toast für meine Lieblingshäppchen, das Gemüse waschen und klein schneiden. Du siehst doch, ich habe Besuch. Ich fühle mich elend und habe keine Kraft. Nun steh nicht herum, fang an!“
Elisa blieb wie angewurzelt stehen, dann rang sie hörbar nach Luft. „Das ist nicht dein Ernst. Dafür bin ich nicht hier.“ Ihre Stimme bebte vor Empörung. „Ich bin gekommen, weil ich glaubte, du seist ernsthaft krank. Aber offenbar geht es dir bestens. Also erspare dir deine Befehle – ich bin nicht deine Angestellte. Genießt euren Abend. Und bitte übertreib es nicht mit dem Wein, sonst steigt dein Blutdruck wieder.“
Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, drehte sie sich um. Die empörten Ausrufe ihrer Schwiegermutter ignorierte sie. Kurz darauf fiel die Wohnungstür mit einem deutlichen Knall ins Schloss.
Einen Moment lang herrschte Stille im Wohnzimmer, dann prustete eine der Freundinnen los. „Na, Wilma, das war wohl nichts. Jetzt dürfen wir selbst Hand anlegen, was? Deine Schwiegertochter hat dir ordentlich Kontra gegeben. Und wir hatten schon geglaubt, sie käme angerannt und würde dir jeden Wunsch von den Augen ablesen.“
Die andere nickte schmunzelnd. „Ein bisschen hast du dir das verdient. Man kann es auch übertreiben.“
Wilma verzog das Gesicht. „Sie zeigt wieder einmal ihr wahres Wesen. Schwierig ist sie, sehr schwierig. Aber das werde ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich werde ihr schon noch erklären, wie man einer Schwiegermutter Respekt entgegenbringt.“
„Ach was“, winkte eine der Freundinnen lachend ab. „Komm, hör auf mit der Sterbenden-Nummer. Uns brauchst du nichts vorzuspielen. Wir decken jetzt gemeinsam den Tisch – wozu sind wir schließlich hier?“
