„Vielleicht kommst du einfach einmal vorbei und hilfst mir beim Aussortieren?“, fuhr Wilma Bauer fort und setzte ein süßliches Lächeln auf. „Was dir gefällt, darfst du selbstverständlich behalten. Trag es, wann immer du willst.“ Mit dieser scheinbar großzügigen Geste hoffte sie, Elisa doch noch in ihre Wohnung zu locken.
Elisa verschränkte die Arme. „Ganz bestimmt nicht. Ich trage weder gebrauchte Sachen noch die Kleidung einer älteren Dame. Mein Schrank ist mehr als gut gefüllt.“
„Ältere Dame? Wen meinst du damit?“ Wilmas Stimme bekam einen scharfen Klang. „Ich bin kaum über fünfzig und sehe ausgesprochen jugendlich aus – das sagen zumindest alle. Ehrlich gesagt fühle ich mich wie fünfunddreißig … na gut, höchstens vierzig.“ Sie richtete sich auf. „Du behandelst mich respektlos. Ich habe meinem Sohn schon mehr als einmal erzählt, wie du mit mir sprichst.“
„Nur zu, berichten Sie ihm alles!“, entgegnete Elisa kühl. „Warum so bescheiden? Sagen Sie doch gleich, Sie fühlen sich wie achtzehn! Wäre das wirklich so, würden Sie mich nicht ständig mit Ihrem Gejammer belästigen, wie schlecht es Ihnen gehe und dass ich helfen müsse. Ich komme nicht. Sortieren Sie Ihre Fetzen allein.“
Wilma schnappte empört nach Luft. „Elisa Schwarz, dein Ton ist unverschämt. Welche Erziehung hast du genossen? Kein Funken Achtung vor der Frau, die deinem geliebten Mann das Leben geschenkt hat!“
„Achtung schon“, gab Elisa trocken zurück. „Ich bin nur daran gewöhnt, offen auszusprechen, was ich denke.“
Nach jedem dieser Wortgefechte griff Wilma zum Telefon und rief Jonas Peters an. Ausführlich schilderte sie ihm ihr angeblich trostloses, einsames Dasein und stellte sich als missverstandenes Opfer dar.
Tatsächlich lebte sie seit einigen Jahren allein. Ihr Mann hatte sie verlassen und war zu einer Kollegin gezogen. Entgegen allen Klischees handelte es sich nicht um eine junge, aufreizende Blondine, sondern um eine etwas ältere, zurückhaltende Frau mit sanfter Stimme – jemand, der eher unscheinbar wirkte. In Wilmas Augen war sie vollkommen farblos.
Lange konnte Wilma nicht begreifen, was geschehen war. Schließlich suchte sie sogar das Büro ihres Ex-Mannes auf, um die Rivalin mit eigenen Augen zu sehen. Sie wollte herausfinden, was an dieser Frau so außergewöhnlich sein sollte – einer Frau, die ein paar Jahre älter war als sie selbst und auch älter als ihr Mann.
Doch da war nichts Außergewöhnliches. Vor ihr stand eine unscheinbare Gestalt, beinahe mausgrau, ohne jede Ausstrahlung. Selbst ihre Hände waren ungepflegt, die Fingernägel schlicht und ohne Maniküre, keine Spur von elegant geformten „Feenhänden“, auf die Wilma stets so stolz gewesen war.
Fassungslos verglich sie ihre perfekt gepflegten Nägel und ihr sorgfältig gestyltes Äußeres mit dem Bild, das sich ihr bot. Wie konnte diese Frau sich nicht daran stören, dass ihre Hände beinahe männlich wirkten? Dass die Augenbrauen dicht und ungleichmäßig waren, das Haar schlecht gefärbt und längst wieder salonreif?
Wilma, die ihr gesamtes bewusstes Leben mit beinahe fanatischer Sorgfalt auf ihr Erscheinungsbild geachtet hatte, stand plötzlich wie betäubt da. Als sie das Bürogebäude verließ, fühlte sie sich benommen, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. In ihrem Inneren war etwas zerbrochen, und sie konnte nicht begreifen, warum ihr vertrautes Lebensgefüge mit einem Schlag auseinandergefallen war.
