Ihre Wangen glühten, und sie spürte deutlich, wie sich die Tränen bereits hinter ihren Lidern sammelten, schwer und brennend. Tobias Seidel schien endlich aus seiner Starre zu erwachen.
— Mama! Was redest du da? — Er versuchte, die Situation mit einem schiefen Lächeln herunterzuspielen. — Das meinst du doch nicht ernst.
— Ich nicht ernst? — Renate Falkenberg zog empört die Augenbrauen hoch. — Habe ich denn unrecht? Tobias, schämst du dich etwa für das, was ich sage?
In diesem Moment richtete Katharina Brandt den Blick auf ihren Mann. Er war kreidebleich. Doch er stand nicht auf. Er nahm ihre Hand nicht. Kein Wort des Widerspruchs, kein klares „Entschuldige dich, oder wir gehen“. Stattdessen saß er da, in sich zusammengesunken, und sah seine Mutter fast flehend an. Diese Untätigkeit. Dieses duckmäuserische Schweigen. Genau das war es, was sie in diesem Augenblick verabscheute.
Sein Blick war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In ihr riss etwas. Als würde ein dünner Faden, der viel zu lange gespannt war, endgültig zerreißen.
Langsam richtete sie sich auf. Ihre Miene erstarrte zu einem kühlen, beinahe steinernen Lächeln. Ohne den Blick abzuwenden, sah sie Renate Falkenberg direkt in die selbstzufriedenen Augen.
— Wie aufschlussreich, Renate Falkenberg. Also bin ich, die diesen Tisch gedeckt hat, die das Geschirr gespült und Ihnen die Tischdecke gekauft hat — sie liegt übrigens noch im Flur auf dem Sideboard, und sie war alles andere als billig — niemand? Aber die Tischdecke zählt zur Familie, ja?
Ihre Schwiegermutter blinzelte irritiert. So hatte Katharina noch nie mit ihr gesprochen. Tobias sprang nun doch auf.
— Katharina, hör auf! — zischte er nervös.
Sie überging ihn vollkommen.
— Sie sagen, ich gehöre nicht dazu, weil ich kein Blut von Ihrem Blut bin. Gut. Das merke ich mir. Und nun hören Sie mir genau zu.
Das kühle Lächeln verschwand, zurück blieb reines Eis. Tobias stand daneben wie ein unbeteiligtes Möbelstück.
— Ich bin also fremd für Sie? Niemand? Wunderbar.
Mit festen Schritten ging sie in den Flur. Am Tisch herrschte reglose Stille. Anke Reuter, die perfekte „Tochter“, hatte sogar aufgehört zu kauen.
Katharina kam mit der großen, schweren Einkaufstasche zurück, die sie erst vor einer halben Stunde hereingetragen hatte. Darin lag die Leinentischdecke mit der aufwendigen Handstickerei — ein Stück, das Renate Falkenberg monatelang in einem Schaufenster bewundert hatte. Teuer. Unverschämt teuer.
Sie stellte die Tasche mitten auf den Tisch.
— Hier ist sie, Renate Falkenberg. Ihre Tischdecke. Drei Monatsgehälter habe ich dafür zurückgelegt. Es war ein Geschenk für einen geliebten Menschen gedacht. Doch wenn ich für Sie niemand bin, dann brauchen Sie auch nichts von mir.
Renate fand ihre Stimme wieder, spitz wie eine Nadel.
— Was fällt dir ein, Katharina?! Wie kannst du es wagen—
Doch Katharina ließ sie nicht ausreden. Mit einem scharfen Ruck riss sie die Tasche auf. Das Papier knallte laut. Sie zog den schweren, schneeweißen Stoff hervor.
— Ich sorge nur für Konsequenz, — sagte sie ruhig und ging zum Mülleimer neben dem Kühlschrank. — Damit Sie den Wert Ihrer Worte nicht vergessen.
Für einen Moment hielt sie das edle Tuch in den Händen — Symbol all ihrer Versuche, endlich akzeptiert zu werden. Dann knüllte sie es zusammen und warf es entschlossen in den Abfall, direkt auf Schalen und Verpackungsreste.
— Bitte sehr, — sagte sie mit klarer Stimme. — Fremdes gehört eben Fremden.
