Das war also ihr Silvester. Noch Jahre später dachte Katharina Brandt daran zurück – nicht wie an ein Fest, sondern wie an ein bösartiges Märchen, in dem sie nicht die Prinzessin war, sondern ein überflüssiger Gegenstand, den man in einer staubigen Ecke stehen gelassen hatte.
Gefiert wurde selbstverständlich bei Renate Falkenberg. Wie jedes Jahr. Der Tisch bog sich unter der Last der Speisen, Schüsseln und Platten reihten sich dicht an dicht – in solchen Inszenierungen war die Schwiegermutter eine Meisterin. Und Katharina? Sie war ebenfalls routiniert: schnippeln, braten, tragen, abwaschen, lächeln. So tun, als liebe sie den Kartoffelsalat und die immer gleichen Rituale, obwohl ihr diese familiären Zusammenkünfte längst bis zum Hals standen.
Tobias Seidel, ihr Mann, saß derweil rundum zufrieden auf seinem Stuhl. Tobias eben – was kümmerte ihn das? Es war warm, das Licht gedämpft und freundlich, die Mutter in Reichweite, die Ehefrau geschniegelt, das Kind neben ihm. Für ihn ein vollkommenes Bild. Dass seine Mutter Katharina mit einem Blick bedachte, der schärfer war als jede Nadel, bemerkte er entweder nicht oder wollte es nicht bemerken. Seine Wahrnehmung schien ausschließlich auf „Alles bestens“ programmiert.
Dann kam der große Moment. Die Kirchenglocken hatten das neue Jahr eingeläutet, die Sektgläser waren geleert, und Renate Falkenberg erhob sich mit einem Strahlen, das beinahe blendete. Jetzt begann die Bescherung.
„Meine Lieben!“, verkündete sie mit tragender Stimme. „Gesundheit, Glück – und natürlich auch ein paar kleine Aufmerksamkeiten!“

Den Anfang machte Tobias. Für ihn gab es eine kostspielige Armbanduhr. „Du bist schließlich das Oberhaupt der Familie, mein Junge. Ein Mann muss Stil zeigen!“ Tobias lächelte breit, küsste seiner Mutter die Wange und bewunderte das glänzende Zifferblatt.
Als Nächstes waren der ältere Sohn und dessen Frau an der Reihe. Anke Reuter, das Paradebeispiel einer Schwiegertochter, bekam goldene Ohrringe überreicht. „Anke, du bist für mich wie eine eigene Tochter. Wirklich Familie, verstehst du?“ Renate umarmte sie mit einer Innigkeit, die Katharina körperlich schmerzte.
Clara Voss – die Kleine – riss begeistert eine riesige Lego-Schachtel auf und jauchzte vor Freude.
Katharina wartete. Sie stand ein wenig abseits, das Lächeln fest aufgesetzt. Für Tobias hatte sie ein hochwertiges Rasierset besorgt, das er sich gewünscht hatte. Und Renate hatte sie eine edle Tischdecke mit feiner Stickerei geschenkt – genau jene, von der die Schwiegermutter seit Monaten schwärmte.
Nachdem sämtliche Päckchen verteilt waren, hielt Renate plötzlich inne. Alle Blicke richteten sich auf sie. Langsam wandte sie sich Katharina zu. In ihren Augen lag keine Spur von Festlichkeit, nur frostige Kälte.
„Katharina? Warum stehst du da so erwartungsvoll? Hoffst du etwa auf etwas?“ Ihre Stimme triefte vor Spott.
Katharina zwang sich zu einem Lachen, das viel zu schrill klang. „Aber natürlich, Renate Falkenberg… es ist doch Silvester.“
Und dann geschah es.
Renate stellte demonstrativ ihr leeres Glas auf den Tisch, strich sich über die Frisur und sprach laut genug, dass jedes Wort wie ein Hammerschlag durch den Raum ging:
„Für dich gibt es nichts. Und es besteht auch kein Anlass, hier zu warten.“
Stille. Eine beklemmende, schwere Stille. Man hörte das leise Zischen der aufsteigenden Sektperlen. Tobias räusperte sich hastig und tat so, als hätte er sich verschluckt.
Katharina hatte das Gefühl, als würde man ihr ein ganzes Bündel Messer in die Brust stoßen.
„Entschuldigung… wie bitte?“ brachte sie mühsam hervor.
Renate kostete die Situation sichtlich aus.
„Was gibt es da nicht zu verstehen? Du bist für mich keine Verwandte. Du bist lediglich Tobias’ Ehefrau, weiter nichts. Dieses Fest ist für meine Familie. Für meine eigenen Leute. Anke gehört dazu – sie ist wie eine Tochter für mich. Aber du… du wohnst nur hier mit. Und ich sehe keinen Grund, Geld für dich auszugeben. Eine Schwiegertochter ist keine Blutsverwandte.“
Der Schlag traf sie mit voller Wucht, direkt unter das Brustbein. Katharina spürte, wie ihr die Luft wegblieb und sich etwas in ihr zusammenzog, als würde gleich etwas zerbrechen.
