In einer Viertelstunde war sein gesamtes Leben auseinandergebrochen. Die Sammlung – fort. Die Ehe – am Ende. Das Versteckspiel – aufgeflogen.
Dabei hatte alles so harmlos begonnen. Ein paar unverfängliche Gespräche mit der jungen Kollegin, ein wenig Flirten zwischen Meetings. Das schmeichelnde Gefühl, noch wahrgenommen zu werden. Begehrt. Lebendig. Es war weniger Leidenschaft gewesen als vielmehr der Versuch, der bleiernen Routine zu entkommen, diesem nagenden Gedanken, dass die besten Jahre womöglich bereits hinter ihm lagen. Und nun stand er vor den Trümmern seiner eigenen Entscheidungen.
Sebastian zog sein Handy hervor. Auf dem Display leuchtete die letzte Nachricht von Johanna Böhm auf: „Ich freue mich auf heute Abend. Wie immer.“
Wie sollte er darauf reagieren? Sollte er ihr schreiben, dass sein sorgfältig aufgebautes Doppelleben gerade in sich zusammengestürzt war?
Aus Claras Zimmer hörte man das Knarren der Tür. Kurz darauf erschien sie im Flur, noch verschlafen, die Haare zerzaust.
„Habt ihr gestritten?“, fragte sie und blinzelte in Richtung Küche. „Ich hab euch laut reden hören.“
„Nein, Liebling“, erwiderte Sebastian und zwang sich zu einem Lächeln, das ihm nicht gelang. „Wir haben nur etwas Wichtiges besprochen.“
Clara runzelte die Stirn. „Mama ist in letzter Zeit irgendwie komisch. Gestern war ein fremder Mann hier. Sie waren lange in deinem Arbeitszimmer.“
„Das war… beruflich“, brachte er mühsam hervor. Ein bitterer Geschmack stieg ihm in den Mund. Also war der Käufer hier gewesen, hatte die Alben durchgeblättert, die Marken begutachtet – in genau diesem Haus, während er nichts ahnte.
„Ich hoffe, bei euch ist alles okay“, sagte Clara leise und musterte ihn. „Du siehst total blass aus.“
„Alles gut“, log er. „Ich hab nur schlecht geschlafen. Zu viel um die Ohren.“
Sie schien ihm nicht ganz zu glauben, hakte aber nicht weiter nach. Stattdessen nahm sie sich ein Glas Saft.
„Ich komme heute später zurück, wir haben Probe“, erklärte sie. „Wartet nicht mit dem Abendessen.“
Als die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fiel, ging Sebastian langsam in sein Arbeitszimmer. Mit einem Gefühl, das zwischen Angst und Verdrängung schwankte, öffnete er den Schrank, in dem die Alben jahrzehntelang gestanden hatten. Leere Regalbretter starrten ihm entgegen. Kein Leder, kein Papier, kein Geruch von Geschichte. Nur auf dem Schreibtisch lag ein Umschlag mit Bankunterlagen – die Bestätigung, dass der Kredit vollständig beglichen war.
Er ließ sich in den Sessel sinken. Diese Sammlung war nie bloß ein Hobby gewesen. Sein Vater hatte damit begonnen, lange bevor Sebastian geboren wurde. Später saßen sie gemeinsam über den Alben, diskutierten über Stempel, Druckfehler und Herkunftsländer. Jede Marke erzählte von einer anderen Zeit, einem anderen Ort. Nach dem Tod des Vaters hatte Sebastian sich geschworen, dieses Erbe zu bewahren und weiterzuführen.
Nun war alles verschwunden. Verkauft, um eine Schuld zu tilgen, die er selbst verursacht hatte.
Das Handy vibrierte erneut. Johanna: „Ist alles in Ordnung? Warum meldest du dich nicht?“
Er starrte auf die Worte. Was verband ihn eigentlich mit ihr? War es Liebe? Oder nur die Eitelkeit eines Mannes, der sich beweisen wollte, dass er noch immer eine junge, attraktive Frau für sich gewinnen konnte? War dieser flüchtige Rausch es wert gewesen, dafür seine Familie aufs Spiel zu setzen?
Als er aufsah, stand Karoline im Türrahmen. Sie hatte sich umgezogen, die Haare sorgfältig gebunden, dezent geschminkt – bereit, das Haus zu verlassen.
„Ich fahre jetzt zu einem Anwalt“, sagte sie ruhig. „Wir müssen die Einzelheiten der Scheidung klären. Du hast zwei Tage Zeit, deine Sachen zu packen und auszuziehen.“
„Zwei Tage?“ Er sprang auf. „Wohin soll ich denn gehen?“
Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Vielleicht zu Johanna. War das nicht das, was du wolltest?“
„Ich wollte keine Scheidung“, entgegnete er leise. „Ich habe… mich verrannt.“
„Dann ist es jetzt wenigstens eindeutig“, antwortete sie. In ihrer Stimme lag weder Zorn noch Spott – nur eine tiefe, erschöpfte Müdigkeit.
