„Mein Lieber, ich habe deinen Kredit beglichen. Deine Briefmarkensammlung ist verkauft – während du bei deiner Geliebten warst“, sagte Karoline Schwarz mit einem Lächeln und reichte ihrem Mann die Tasse Kaffee über den Küchentisch.
Sebastian Ludwig blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen. Die beiläufig ausgesprochenen Worte schienen erst mit Verzögerung zu ihm durchzudringen. Reflexartig nahm er die Tasse entgegen, ohne die Hitze des Porzellans zu spüren. Dann traf ihn die Bedeutung mit voller Wucht.
„Du… was hast du getan?“, brachte er heiser hervor. Seine Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren.
„Ich habe deine Sammlung veräußert“, wiederholte Karoline ruhig, beinahe freundlich. „Erinnerst du dich an den Sammler aus Hannover? Der, der schon vor Jahren ein großzügiges Angebot gemacht hat? Ich habe ihn angerufen. Gestern war er hier. Genau zu der Zeit, als du anderweitig beschäftigt warst.“
Sebastian stellte die Tasse hastig ab, weil seine Finger plötzlich kraftlos wurden. Fünfundzwanzig Jahre hatte er diese Sammlung aufgebaut. Seltene Marken aus der Kaiserzeit, komplette Serien aus DDR-Zeiten, internationale Raritäten – jedes Stück mit einer eigenen Geschichte. Es war mehr als ein Hobby gewesen. Es war sein Rückzugsort, sein Stolz.

„Das… das konntest du nicht tun“, presste er hervor. „Du hattest kein Recht dazu.“
„Über Rechte sollten wir lieber nicht sprechen“, entgegnete Karoline gelassen und strich die Falten ihres Hauskleides glatt, bevor sie sich setzte. „Sag lieber Danke. Seit drei Monaten zahlst du die Raten nicht mehr. Die Bank hat bereits begonnen, Druck zu machen. Ich habe das Problem gelöst.“
Er ließ sich ihr gegenüber auf den Stuhl fallen. Eine eisige Leere breitete sich in ihm aus.
„Wie viel?“, fragte er tonlos. „Was hat er dir gezahlt?“
„Eine Million siebenhunderttausend Euro“, antwortete sie und nahm einen Schluck. „Exakt die Summe, die nötig war, um den Kredit vollständig abzulösen.“
„Sie war mindestens das Doppelte wert!“, rief Sebastian und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Karoline zuckte mit den Schultern. „Mag sein. Aber wir hatten keine Zeit für langwierige Verhandlungen. Außerdem hat er vermutlich gemerkt, dass ich verkaufen musste, und den Preis entsprechend gedrückt. Geschäft ist Geschäft.“
Sebastian vergrub das Gesicht in den Händen. Jahrzehnte des Suchens, Bietens, Wartens. Nächte vor dem Computer bei Auktionen, Reisen zu Messen, dieses triumphierende Gefühl, wenn ihm ein seltenes Stück endlich gehörte – ausgelöscht an einem einzigen Nachmittag.
„Warum, Karoline?“, flüsterte er. „Warum hast du das getan?“
„Ich habe es dir gesagt: um den Kredit zu tilgen.“
„Wir hätten eine andere Lösung finden können. Ich hätte mehr Stunden in der Schule übernehmen können. Oder das Auto verkaufen.“
„Dein Wagen deckt nicht einmal die Hälfte der Schulden“, erwiderte sie ruhig. „Und was die zusätzlichen Stunden betrifft – ich bin müde, Sebastian. Müde von deinen Versprechen. Besonders seit ich weiß, dass unser Geld nicht nur für unsere Familie ausgegeben wurde.“
Er hob den Blick. Sie saß ihm gegenüber, aufrecht, gefasst, beinahe schön in ihrer Beherrschung. Vor zwanzig Jahren hatte er sich in genau diese Haltung verliebt. Doch jetzt lag in ihren Augen etwas Neues – eine kühle Entschlossenheit, hart wie Glas.
„Du hast mich überwacht?“, fragte er.
„Nein“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Manchmal landet die Restaurantrechnung zufällig im gemeinsamen E-Mail-Postfach. Und gelegentlich rutscht ein Beleg vom Juwelier aus der Jackentasche. Weißt du, anfangs dachte ich, du planst eine Überraschung für mich. Ich habe gewartet. Später wurde mir klar, dass ich nicht diejenige war, die überrascht werden sollte.“
Sebastian schwieg. Jede Ausrede wäre lächerlich gewesen, jede Lüge nutzlos.
Nach einer langen Pause murmelte er: „Ich wollte es dir ohnehin erklären“, sagte er schließlich.
