Benedikt Roth hob nur zögerlich den Kopf. Erst blickte er seine Mutter an – ihr Gesicht verzerrt vor Wut –, dann zu mir. Schließlich blieb sein Blick an dem Test auf dem Tisch hängen.
In seinen Augen geschah etwas. Die Panik, die eben noch darin gestanden hatte, wich einer ungewohnten Klarheit.
„Mama“, sagte er leise.
„Was heißt hier ‚Mama‘?“, fuhr Dorothea Stein ihn an. „Komm sofort, wir gehen! Soll sie doch allein in ihrem Palast versauern!“
„Nein.“ Er klappte langsam den Laptop zu. „Niemand geht irgendwohin. Und von einer Reise ans Meer kann auch keine Rede sein.“
„Wie bitte?“ Ihre Stimme überschlug sich. „Du stellst dich gegen deine eigene Mutter? Wegen ihr?“
Er atmete tief durch. „Wegen meines Kindes. Und auch wegen mir selbst. Ich habe keine Lust, mein Leben lang von trockenen Nudeln zu leben und mir Vorwürfe anzuhören. Ich will eine Familie.“
Er stand auf, kam zu mir herüber und zog mich fest an sich.
„Verzeih mir, Nora“, murmelte er. „Ich habe nicht nachgedacht. Ich bin einfach immer dem gefolgt, was sie wollte.“
Der Stuhl seiner Mutter kratzte laut über den Boden, als sie empört aufsprang.
„Also gut! Dann bleibt doch in eurem Sumpf! Ich werde keinen Fuß mehr über diese Schwelle setzen!“ Sie deutete zur Tür. „Und bildet euch bloß nicht ein, dass ich mich um dieses Kind reißen werde! Ich habe noch ein eigenes Leben!“
Mit einem Knall fiel die Tür ins Schloss, so heftig, dass der Kalender von der Wand rutschte.
Wir blieben allein in der Küche zurück. Benedikt vergrub das Gesicht an meiner Schulter.
„Hättest du dich wirklich getrennt?“, fragte er kaum hörbar.
„Ohne Zögern“, antwortete ich ehrlich. „Ich lasse nicht zu, dass irgendjemand – nicht einmal deine Mutter – über unser Leben bestimmt.“
Er nickte langsam. „Ich verstehe. Wirklich. Wir schaffen das. Ich zahle den Wagen schneller ab und suche mir zusätzlich Arbeit. Und für meine Mutter… kaufen wir eben diesen Multifunktionskocher, über den sie ständig klagt.“
Ein Jahr verging.
Unser Sohn, Emil Engel, kam pünktlich zur Welt – kräftig, mit einer beeindruckenden Stimme. Benedikt entpuppte sich als hingebungsvoller Vater: Er steht nachts auf, badet den Kleinen und überlässt nicht einmal das Schneiden der winzigen Fingernägel jemand anderem.
Dorothea Stein hielt ihr großes Abschiedswort übrigens nicht ein. Kaum hatte sie begriffen, dass wir auch ohne sie zurechtkamen, tauchte sie wieder auf. Inzwischen besucht sie uns nach festem Rhythmus – alle zwei Wochen, mit Vorankündigung und nie länger als eine Stunde. Sie versucht zwar noch, Ratschläge zu verteilen oder zu nörgeln, doch Benedikt lächelt dann nur gelassen.
„Wir regeln das schon, Mama. Soll ich dir ein Taxi rufen oder fährst du mit dem Bus?“
Ihre geplante Jubiläumsreise trat sie übrigens nicht an. Stattdessen zerstritt sie sich mit Freundinnen und Nachbarn und gibt nun gern die verlassene Mutter.
Neulich jedoch sah ich, wie sie heimlich ein Paar selbstgestrickter Söckchen in Emils Kinderwagen legte – grellgrün und etwas kratzig, aber warm.
Vielleicht gibt es selbst in den schwierigsten Menschen einen weichen Kern. Man darf sie nur nicht zu nah an die eigenen Entscheidungen heranlassen.
