Der Schwangerschaftstest steckte tief in der Tasche meines Morgenmantels und kam mir bei jeder Bewegung störend vor. Mit den Fingerspitzen strich ich über das geriffelte Plastik, atmete einmal bewusst durch und ging in die Küche.
Benedikt Roth saß zusammengesunken vor seinem Laptop, ertappt wie ein Teenager bei etwas Verbotenem. Auf dem Bildschirm prangte die Seite eines Reiseveranstalters: Palmen, blendend heller Sandstrand – und eine Zahl, die mir beinahe den Boden unter den Füßen wegzog. Dreihundertzwanzigtausend Euro.
„Benedikt, was soll das sein?“, fragte ich und stellte den Wasserkocher auf die Herdplatte. Meine Hand zitterte leicht, der Deckel klirrte verräterisch.
Er fuhr zusammen und klappte hastig das Gerät zu.
„Ach, das… Mama wollte nur wissen, was Reisen momentan kosten. In einem Monat hat sie Jubiläum. Fünfundfünfzig – das ist doch ein besonderes Alter.“
„Allerdings“, erwiderte ich trocken, während ich Tassen aus dem Schrank nahm. „Und wer genau soll dieses Vermögen ausgeben?“

Er rieb sich den Nacken – ein sicheres Zeichen dafür, dass er um die Wahrheit herumlavierte.
„Sie zählt auf uns. Sie sagt, sie habe ihr ganzes Leben davon geträumt, einmal den Ozean zu sehen. Nora, sie ist meine Mutter. Sie hat mich großgezogen, Nächte durchgemacht, sich aufgeopfert…“
„Benedikt, stopp.“ Ich drehte mich zu ihm um. „Wir sparen auf ein Auto. Der Immobilienkredit verschlingt ohnehin schon die Hälfte unseres Einkommens. Von welchen dreihunderttausend redest du da?“
„Ich könnte einen Kredit aufnehmen“, platzte er heraus und senkte den Blick. „Keinen riesigen. In einem Jahr hätten wir das abbezahlt. Aber Mama wäre glücklich. Und du weißt, gesundheitlich ist sie angeschlagen – wir sollten sie nicht zusätzlich belasten.“
In diesem Moment summte die Gegensprechanlage im Flur. Ich wusste sofort, wer vor der Tür stand. Dorothea Stein besaß ein beinahe unheimliches Gespür dafür, genau dann aufzutauchen, wenn es um Geld ging.
Keine Minute später schwebte sie bereits in unsere Küche. Für ihr Alter wirkte sie erstaunlich geschniegelt: perfekt sitzende Frisur, makellose Maniküre, ein Blick voller Selbstgewissheit. Von einer kränklichen Frau keine Spur.
„Was riecht hier so seltsam?“, verzog sie statt einer Begrüßung das Gesicht. „Habt ihr schon wieder dieses billige Putzmittel gekauft? Nora, ich habe dir doch gesagt: Wer am Haushalt spart, spart am eigenen Zuhause.“
„Guten Tag, Frau Stein. Es ist nur Zitronenduft“, antwortete ich kühl.
Sie überging meine Worte vollständig und wandte sich ihrem Sohn zu.
„Benedikt, nun sag schon – hast du gebucht? Meine Nachbarin meint, die Preise steigen stündlich. Wenn wir das verpassen, landen wir am Ende noch in irgendeinem heruntergekommenen Loch.“
