«Die Wohnung verbleibt im Eigentum der Beklagten, Katharina Brandt» — verkündet die Richterin, Katharina atmet erleichtert auf und geht hinaus

Verrat war brutal, ihr Mut aber überwältigend.
Geschichten

…eine Stille, die fast dröhnte.

„Ich will nicht, dass wir wieder zusammenkommen“, sagte Tobias schließlich mit gedämpfter Stimme. „Ich bitte dich nur um ein Gespräch. Von Angesicht zu Angesicht. Fünf Minuten.“

„Nein, Tobias. Diese fünf Minuten hättest du vor zehn Jahren haben können.“

Sie beendete das Gespräch.

Ihre Stimme hatte kaum gezittert – zumindest nicht hörbar. Innerlich jedoch bebte etwas. Nach außen blieb Katharina reglos. Sie hatte gelernt, dass jedes Anzeichen von Schwäche gegen sie verwendet wurde. Und genau das würde sie heute nicht zulassen.

Kurz vor elf erreichte sie das Gerichtsgebäude. Ein schneidender Wind fegte über den Platz und nahm ihr beinahe den Atem. Autos rauschten vorbei, Passanten hasteten mit gesenkten Köpfen durch die Kälte. Niemand ahnte, welche Schlacht sich hinter den grauen Mauern dieses nüchternen Baus anbahnte.

Matthias Riedel ließ auf sich warten – wie so oft. Doch sie wusste, dass er auftauchen würde. Er hatte ein Talent dafür, im letzten Moment zu erscheinen, fast theatralisch, nur ohne Pathos.

Tatsächlich kam er wenige Minuten später eilig auf sie zu, den Schal noch im Laufen richtend.

„Nun, Katharina“, sagte er, während er nach Luft rang, „heute fällt die Entscheidung. Wenn wir standhalten, können Sie danach endlich durchatmen.“

„Und wenn nicht?“ fragte sie, mehr aus Pflichtgefühl als aus echter Sorge.

Er zuckte mit den Schultern. „Dann gehen wir in die nächste Instanz. Aber ich bin zuversichtlich. Die Gegenseite hat sich mit diesen Unterlagen selbst ein Bein gestellt.“

Sie nickte knapp, und gemeinsam betraten sie das Gebäude.

Der Sitzungssaal war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Brigitte Ahrens saß geschniegelt und geschniegelt da, als stünde sie kurz vor einem Empfang im Ministerium. Makelloser Hosenanzug, dezenter Schmuck, streng zurückgebundene Haare. Ihr Blick war kühl und durchdringend. Neben ihr Tobias – blass, erschöpft, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Früher hatte er stets versucht, Katharinas Blick zu suchen. Heute vermied er ihn konsequent.

Der Anwalt von Brigitte Ahrens sortierte demonstrativ seine Unterlagen, hob bedeutungsvoll die Augenbrauen. Man sah, dass sie ihre Strategie bis ins Detail vorbereitet hatten. Jeder Absatz, jede Unterschrift war offenbar mehrfach überprüft worden. Sie hofften auf einen letzten Schachzug.

Die Richterin betrat den Saal. Alle erhoben sich.

„Wir setzen die Verhandlung fort“, erklärte sie sachlich und schaltete das Mikrofon ein. „Die Klägerseite erhält das Wort für das Schlussplädoyer.“

Der Anwalt von Tobias trat vor. „Hohes Gericht, mein Mandant hegt keinerlei persönliche Ressentiments gegenüber seiner Ehefrau. Dennoch ist festzuhalten, dass Vermögenswerte, die während der Ehe genutzt wurden, grundsätzlich dem Zugewinnausgleich unterliegen. Mein Mandant hat sowohl finanzielle Mittel als auch Arbeitsleistung eingebracht…“

Neben Katharina stieß Matthias Riedel ein leises, kaum hörbares Schnauben aus.

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Nur für einen Sekundenbruchteil.

Der Anwalt fuhr fort: „Darüber hinaus belegt ein Schenkungsvertrag, dass ein Teil des Kaufpreises für die Wohnung aus Mitteln der Mutter meines Mandanten stammte. Daraus ergibt sich, dass—“

„Einen Moment“, unterbrach die Richterin und hob die Hand. „Zum sogenannten Schenkungsvertrag liegt ein Gutachten vor. Die Unterschrift der Beklagten wurde als Fälschung identifiziert. Möchten Sie dazu Stellung nehmen?“

Ein Zögern. Brigitte Ahrens richtete sich ruckartig auf, als hätte man sie gestochen.

„Wir gehen davon aus, dass die Begutachtung fehlerhaft erfolgt ist“, entgegnete der Anwalt, sichtlich bemüht, die Fassung zu wahren.

Matthias Riedel erhob sich ruhig. „Dem Gericht liegt zudem ein weiteres, unabhängiges Gutachten vor. Zusätzlich existiert eine Videoaufnahme, auf der Frau Ahrens mit einem inzwischen strafrechtlich verfolgten Mitarbeiter über eine beschleunigte Eintragung spricht. Ich beantrage die Aufnahme in die Beweisführung.“

Ein USB-Stick wurde nach vorn gereicht.

Brigitte Ahrens verlor schlagartig die Farbe.

Tobias verbarg das Gesicht in den Händen.

„Das ist eine Intrige!“, rief sie schrill. „Eine Manipulation! Alles konstruiert!“

Der Hammer der Richterin schlug auf das Holz. „Ein weiterer Ausbruch, und ich lasse den Saal räumen. Verteidigung, fahren Sie fort.“

Matthias Riedels Stimme blieb gelassen, beinahe ruhig, doch jedes Wort traf präzise: „Die Beweislage zeigt eindeutig, dass die Immobilie vor der Eheschließung ausschließlich von meiner Mandantin erworben wurde. Für angebliche Investitionen des Ehemannes existiert kein belastbarer Nachweis. Die gegenteilige Darstellung stützt sich auf Dokumente, deren Echtheit widerlegt ist.“

Er ergänzte: „Wir haben Kontoauszüge, Zahlungsbelege und Rechnungen – alles auf den Namen meiner Mandantin ausgestellt. Zudem liegen Gesprächsaufzeichnungen vor, die belegen, dass versucht wurde, Einfluss auf das Verfahren zu nehmen.“

Die Richterin prüfte die Unterlagen schweigend.

Im Saal herrschte eine derart gespannte Stille, dass selbst das leise Räuspern eines Zuschauers deutlich zu hören war.

Schließlich blickte sie auf. „Die Parteien haben ihre Ausführungen gemacht. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück.“

Draußen im Flur warteten sie.

Tobias lief unruhig auf und ab, wie ein Tier im Käfig.

Brigitte Ahrens telefonierte pausenlos. „Holger Fink, das darf doch nicht wahr sein…“ – „Nein, Sie verstehen nicht, das ist inszeniert…“ – „So etwas kann man doch nicht zulassen!“

Matthias Riedel scrollte seelenruhig durch die Nachrichten auf seinem Smartphone.

Katharina saß auf einer Bank, die Hände ineinander verschränkt, so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Zwei Frauen gingen an ihr vorbei und flüsterten: „Das ist doch die mit der Wohnung, oder? Die, die…“

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