„…aufgehört, es allen recht zu machen. Wenn sie einen Krieg wollen, dann bekommen sie ihn.“
In diesem Moment begann ihr Handy erneut zu vibrieren. Auf dem Display erschien der Name: Tobias Krämer.
Katharina schloss für einen Augenblick die Augen, sog langsam Luft ein und nahm schließlich doch ab.
„Frau Brandt“, setzte er betont sachlich an, fast übertrieben korrekt. „Ich schlage vor, wir regeln das ohne weitere Eskalation. Die Wohnung teilen wir auf – fünfzig zu fünfzig – und dann lassen wir es gut sein.“
Ihre Stimme blieb ruhig, fast kühl. „Tobias, deine Mutter hat Dokumente gefälscht wie ein Teenager im Kunstunterricht. Du hast dich monatelang in fremden Wohnungen versteckt und das als Geschäftsreise verkauft. Und jetzt redest du von der Hälfte? Meinst du das ernst?“
„Wir waren eine Familie, Katharina…“
„Eine Familie?“ Sie lachte leise, ohne jede Heiterkeit. „Familie bedeutet nicht, heimlich zum Notar zu rennen und Eigentum umzuschreiben. Familie heißt auch nicht, bei Mutti zu klagen, die Ehefrau würde ‚komisch schauen‘.“
Am anderen Ende entstand eine lange Pause. Schließlich sagte er gedämpft: „Du bist nicht mehr dieselbe.“
„Doch“, entgegnete sie. „Ich bin endlich ich selbst. Nicht mehr die Version, die dir passte.“
Sie beendete das Gespräch.
„Soll er doch weiter schweigen“, murmelte sie.
Matthias Riedel verzog amüsiert die Mundwinkel. „Beeindruckende Nervenstärke, Frau Brandt. Hoffentlich behalten Sie die auch vor Gericht.“
Der Sitzungssaal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Brigitte Ahrens saß neben ihrem Sohn wie eine Feldherrin hinter der Frontlinie – Kinn erhoben, Lippen schmal, der Blick scharf wie Glas. Tobias gab sich betont leidend, als säße er hier als Opfer einer herzlosen Ehefrau.
Der Anwalt der Gegenseite, ein junger Mann mit übertrieben akkurat gebügeltem Sakko, begann selbstsicher: „Hohes Gericht, mein Mandant hat erhebliche Mittel in die Modernisierung der Immobilie investiert. Er hat dort gelebt, mitgewirkt und finanzielle Beiträge geleistet. Daraus ergibt sich ein Anspruch auf einen Anteil.“
Katharina musste innerlich den Kopf schütteln. Mitgewirkt. Eine Badezimmerablage montiert – und schon fühlte er sich wie ein Großinvestor.
Dann zog der Anwalt eine Mappe hervor. „Darüber hinaus existiert ein Schenkungsvertrag. Die Mutter meines Mandanten stellte vor der Eheschließung Gelder für den Kauf bereit. Das begründet seinen Anspruch.“
Katharina wollte aufspringen, doch Matthias legte beruhigend seine Hand auf ihr Handgelenk und erhob sich selbst.
„Hohes Gericht“, sagte er ruhig, „die Unterschrift unter diesem Vertrag ist nachweislich gefälscht. Ein Gutachten liegt vor. Zudem befindet sich in den Akten eine Tonaufnahme, in der Frau Ahrens mit einem Bekannten die beschleunigte Eintragung dieser Dokumente bespricht. Ich beantrage, diese Beweise zu berücksichtigen.“
„Unverschämtheit!“, rief Brigitte Ahrens empört. „Das ist Verleumdung!“
„Selbstverständlich steht es Ihnen frei, dagegen vorzugehen“, erwiderte Matthias sachlich. „Allerdings wohl eher in einem Verfahren wegen Urkundenfälschung.“
Der Richter klopfte mit dem Hammer, um die aufgewühlte Stimmung zu beruhigen. Tobias war kreidebleich geworden.
Nach der Verhandlung holte Brigitte Ahrens Katharina auf dem Flur ein. „Du hast unsere Familie zerstört“, zischte sie.
„Ich?“ Katharina hob eine Braue. „War es nicht Ihre Familie, die mit gefälschten Papieren hantierte?“
„Du warst uns immer fremd. Nie passend!“
„Mag sein“, erwiderte sie ruhig. „Aber ich komme auch ohne Ihre Ratschläge zurecht.“
Die ältere Frau hob die Hand, als wolle sie zuschlagen, doch Tobias hielt sie zurück. „Mama. Bitte.“
Katharina sah ihn an. Zum ersten Mal seit Jahren wirkte er nicht trotzig, sondern erschöpft – beinahe zerbrochen.
„Es tut mir leid“, flüsterte er. „Ich habe alles ruiniert.“
„Nein“, sagte sie leise. „Du hast dich entschieden. Und das war dein gutes Recht.“
Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging sie.
Der Februar zog sich grau und endlos dahin. Katharina unterschied die Tage nicht mehr nach Stimmung, sondern nach Nachrichten vom Gericht. Ihr Alltag bestand aus Aktenordnern, Besprechungen mit Matthias Riedel und dem ständigen Bemühen, nicht die Beherrschung zu verlieren.
Das Urteil stand noch aus. Die abschließende Sitzung sollte heute stattfinden – und sie würde entscheiden, wie ihr Leben weiterging.
Am Morgen saß sie lange in der Küche und betrachtete die Fliesen, auf denen noch Spuren ihrer eigenen Renovierungsarbeit zu erkennen waren. Sie hatte gespachtelt, gestrichen, geklebt, während Tobias damals nur gemurrt hatte, Werkzeug sei nichts für Frauen, und im Wohnzimmer Computerspiele spielte. Doch heute dachte sie nicht an vergangene Kränkungen. Sie dachte daran, dass ein Neuanfang greifbar nahe war.
Das Handy vibrierte.
Tobias. Wieder.
Fast automatisch nahm sie ab.
„Katharina…“ Seine Stimme klang ungewohnt weich, heiser, als hätte er die Nacht kein Auge zugetan. „Wir müssen reden. Vor der Verhandlung. Es ist wichtig.“
„Alles Wichtige läuft inzwischen über Protokoll“, entgegnete sie kühl. „Ich habe genug von deinen Gesprächen.“
Er atmete schwer. „Ich habe Fehler gemacht. Ja, ich war ein Idiot. Und meine Mutter… es ist kompliziert. Aber ein Gerichtsurteil ist endgültig. Vielleicht kann ich dir wenigstens erklären, warum alles so gekommen ist.“
„Erklären?“ Ihre Worte waren scharf. „Dass du versucht hast, mir meine Wohnung abzunehmen? Dass deine Mutter eine Unterschrift fälschen ließ? Oder dass du dich vor Verantwortung gedrückt hast wie ein Schuljunge?“
Am anderen Ende entstand eine beklemmende Stille.
