„Tobias Krämer, pack deine Sachen“, sagte sie ruhig, beinahe sachlich. Doch in ihrer Stimme lag eine Kälte, die schärfer schnitt als jedes Geschrei. „Bevor ich selbst entscheide, dein Gerümpel vor die Tür zu setzen.“
Tobias hockte zusammengesunken auf dem Sofa wie ein ertappter Schüler. Sein Hemd hing halb offen, die Haare standen wirr ab, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten einer durchwachten Nacht. Er presste die Lippen aufeinander, rieb sich über den Nasenrücken – blieb jedoch reglos.
„Katharina Brandt, musst du gleich so übertreiben?“, murmelte er und vermied ihren Blick. „Wir sind doch keine Teenager mehr. Lass uns normal reden.“
Ein raues Lachen entwich ihr. „Normal? Nachdem deine Mutter mich heute früh wieder als ‚Fremde‘ bezeichnet hat, nur weil ich nicht in ihrer Straße geboren wurde? Oder nachdem du zum dritten Mal angeblich auf Geschäftsreise warst – zufällig mit Nadine Vogt aus der Buchhaltung? Die du angeblich kaum kennst?“
Er sprang auf, machte einen Schritt auf sie zu. „Du steigerst dich da in etwas hinein. Immer suchst du Streit.“

„Ich würde liebend gern nichts suchen“, entgegnete sie und stieß ihm mit dem Finger gegen die Brust. „Aber wenn deine Mutter beim Notar mit gefälschten Unterlagen auftaucht – auf meinen Namen –, dann werde sogar ich misstrauisch.“
Er erstarrte. Für einen Moment wirkte er, als hätte man ihm die Luft genommen.
„Das ist Unsinn“, brachte er schließlich hervor. „Welche Unterlagen bitte?“
„Die, mit denen ihr beide meine Wohnung überschreiben wolltet. Meine Wohnung, Tobias. Gekauft, bevor wir verheiratet waren. Ich habe alles prüfen lassen. Die Unterschrift ist gefälscht. Sauber gemacht – fast beeindruckend.“
Er drehte sich abrupt weg, als könne er so sein Gesicht verbergen.
„Gut“, knurrte er. „Ich hole meine Sachen morgen. Und wage es ja nicht, meine Karte sperren zu lassen. Die Hälfte deiner schicken Klamotten habe ich bezahlt.“
Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Zu spät. Die Karte ist wegen offener Schulden bereits gesperrt. Deine angeblichen Anteile kannst du gern beim Gerichtsvollzieher einklagen.“
Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss. Doch Katharina zuckte nicht zusammen. Sie atmete tief durch; die Luft kam ihr eisig vor.
Als Stille einkehrte, legte sie sich wie ein schwerer Schleier über den Raum. Für einen kurzen Augenblick wollte sie sich einfach setzen, das Gesicht in den Händen verbergen und verschwinden. Aber selbst diesen Luxus gestattete sie sich nicht.
Ihr Handy vibrierte.
„Brigitte Ahrens“ stand auf dem Display.
Natürlich. Es fehlte ja noch ihre Stimme.
Katharina ignorierte den ersten Anruf. Dann den zweiten. Beim vierten Mal nahm sie schließlich ab.
„Na, Katharina“, säuselte ihre Schwiegermutter honigsüß, „zufrieden? Den eigenen Mann rausgeworfen? Die Wohnung an dich gerissen? Weißt du eigentlich, wie das aussieht?“
„Frau Ahrens, ich habe weder Zeit noch Nerven für Ihre Belehrungen. Tobias trifft seine Entscheidungen selbst. Und um seine Koffer kümmert er sich bitte ebenfalls.“
„So redest du mit mir?“, fauchte die ältere Frau. „Glaubst du, ein Gericht ist dein Kaffeekränzchen? Dort sitzen Menschen mit Einfluss. Mein Sohn hat ausgezeichnete Kontakte – und einen Anwalt, der nicht aus irgendeiner Hinterhofkanzlei stammt.“
„Dann soll er sie nutzen“, erwiderte Katharina kühl. „Ich kenne ebenfalls Leute. Vor allem solche, die sich mit Urkundenfälschung auskennen.“
„Das wirst du bereuen. Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst.“
Doch Katharina hatte bereits aufgelegt. Zum ersten Mal seit Monaten schaltete sie ihr Telefon komplett aus.
Ihre Hände zitterten – nicht aus Angst, sondern vor Wut. Eine glühende, brodelnde Wut, die ihr Innerstes in Brand setzte.
Sie trat ans Fenster. Draußen lag ein trüber Februartag über der Stadt. Graue Fassaden, schmutziger Schneematsch, das ferne Brummen der Autos. Das Leben ging weiter. Nur ihres fühlte sich an wie ein Schlachtfeld.
„Ich werde es bereuen?“, murmelte sie leise. „Wir werden sehen.“
Sie schaltete das Handy wieder ein, scrollte durch ihre Kontakte und blieb bei einem Namen stehen.
Matthias Riedel.
Der Anwalt, der sie vor Jahren schon einmal aus einer heiklen beruflichen Affäre herausgeholt hatte. Damals hatte er mit stoischer Ruhe neben ihr gesessen, an einem Keks geknabbert und gesagt: „Lassen Sie sich nicht einschüchtern.“
Jetzt brauchte sie genau das wieder.
„Herr Riedel? Hier ist Katharina Brandt. Ja, schon wieder ich. Es gibt ein neues Problem. Wir müssen uns dringend treffen.“
Das Café gegenüber dem Gerichtsgebäude wirkte so farblos wie der Tag selbst. Vor ihr stand eine Tasse Kaffee, die sie nicht angerührt hatte; längst war er kalt geworden, mit einem bitteren Nachgeschmack – passend zu den letzten Monaten ihrer Ehe. Matthias Riedel ordnete ruhig einige Dokumente, strich sich über die Manschetten, eine seiner typischen Gewohnheiten.
„Katharina“, begann er ohne Umschweife, „es wird kein einfacher Prozess. Die Gegenseite wird nicht klein beigeben. Aber juristisch stehen Ihre Chancen nicht schlecht.“
Sie sah ihn fest an. „Ich bin nicht wegen irgendwelcher Wahrscheinlichkeiten hier. Ich bin hier, weil ich es leid bin.“
