«Ich wähle meine Frau» — sagt Viktor leise und schließt damit endgültig die Tür zur Familie

Schamlose Selbstsucht endet — endlich erhebt sich Widerstand.
Geschichten

Auf dem kleinen Tisch standen eine halb geleerte Tasse Tee und ein Teller, übersät mit Krümeln. Nichts an Denise deutete auf Schwäche oder Krankheit hin. Sie wirkte wie immer – gelangweilt, träge, ohne das geringste Ziel.

Ingrid Falkenberg musterte das Paket in Katharina Vogts Händen mit dem hochmütigen Blick einer selbsternannten Herrscherin.

— Endlich. Stell es dort ab, auf den Boden — befahl sie und deutete knapp in Richtung Flur. — Und wage es ja nicht, irgendwo einen Kratzer zu hinterlassen.

Ohne ein Wort zu erwidern, ließ Katharina die schwere Kiste behutsam auf das Linoleum hinab. Sie wollte sich gerade verabschieden, ein höfliches „Auf Wiedersehen“ murmelnd, doch ihre Schwiegermutter dachte nicht daran, sie gehen zu lassen. Ingrid blieb unbeweglich stehen und versperrte den Ausgang.

— Wenn du schon hier bist, dann steh nicht nutzlos herum wie eine Statue — setzte sie in jenem herablassenden Ton an, den sie ausschließlich gegenüber Menschen anschlug, die sie für minderwertig hielt. — Siehst du denn nicht, wie staubig alles ist? Denise geht es schlecht, und ich habe Rückenschmerzen. Wisch die Kommode ab und geh anschließend mit dem Mopp durch den Flur. Du hast mit deinem Karton ohnehin alles dreckig gemacht.

Denise hob den Kopf von ihrem Smartphone. Als sie die Worte hörte, breitete sich ein spöttisches Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie richtete sich etwas auf, um das Schauspiel besser verfolgen zu können. Es war beinahe ein Ritual: gemeinsam Katharina in die Enge treiben und später bei Viktor Brandt darüber klagen, wie respektlos und faul seine Frau doch sei.

Langsam richtete Katharina sich auf. Ihr Blick glitt über die dunkel glänzende, verstaubte Kommode, dann über das zufriedene Gesicht ihrer Schwägerin, schließlich blieb er auf Ingrid Falkenberg ruhen. In ihrem Inneren geschah etwas. Kein lautes Zerbrechen, kein Klirren — eher das dumpfe, endgültige Reißen eines Seils, das sie viel zu lange mit dem Zwang zur Höflichkeit gefesselt hatte. Als sie sprach, war ihre Stimme ruhig, fest, ohne jedes Zittern.

— Ich bin hier nicht als Putzkraft angestellt, Frau Falkenberg. Ihre erwachsene Tochter lebt bei Ihnen — sie kann sehr wohl selbst ihre Wohnung in Ordnung bringen. Ich bin die Ehefrau Ihres Sohnes. Viktor und ich haben unser eigenes Zuhause und unsere eigene Familie. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Für einen Moment legte sich eine beinahe unheimliche Stille über die Wohnung. Selbst die schrillen Stimmen aus dem Fernseher schienen zu verstummen. Das höhnische Lächeln auf Denises Lippen erstarrte und wich langsam blankem Entsetzen.

Ingrid Falkenberg rang nach Worten. Ihr Gesicht färbte sich dunkelrot, der Mund öffnete und schloss sich lautlos, wie bei einem Fisch auf dem Trockenen. Als sie ihre Stimme wiederfand, war sie zu einem schrillen Kreischen verzerrt.

— Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen?! In meinem Haus willst du mir Vorschriften machen? Ich rufe sofort Viktor an! Er wird sich noch heute von dir trennen! Er setzt dich vor die Tür wie den letzten Dreck!

— Glauben Sie das wirklich? — fragte Katharina beinahe sachlich.

Ohne den Blick von dem vor Zorn entstellten Gesicht ihrer Schwiegermutter zu lösen, zog sie ihr Handy hervor, suchte den Kontakt „Ehemann“ und wählte. Ingrid verstummte abrupt, als Katharina den Lautsprecher einschaltete.

— Viktor, hallo — begann sie mit gleichmäßiger Stimme. — Deine Mutter verlangt, dass ich hier den Boden und die Fenster putze. Andernfalls würdest du dich von mir scheiden lassen. Kannst du das bitte bestätigen?

Am anderen Ende entstand eine kurze, doch vielsagende Pause. Dann war Viktors schwerer, müder Seufzer zu hören.

— Mutter, gib Denise das Telefon.

Ingrid, noch immer fassungslos, reichte das Gerät mit fahriger Bewegung an ihre Tochter weiter.

— Denise — erklang Viktors Stimme, kalt wie gehärteter Stahl — du hast dreißig Minuten Zeit, die Wohnung in Ordnung zu bringen. Wenn ich komme und sehe, dass du herumsitzt, während Katharina arbeitet, landen deine Sachen im Müll. Und dann suchst du dir selbst eine Unterkunft. Verstanden?

Die Verbindung brach ab.

Mit einem höflichen Lächeln nahm Katharina das Telefon aus Denises schlaffer Hand. Sie nickte der sprachlosen Ingrid zu.

— Dann verabschiede ich mich. Offenbar steht Ihnen ein gründlicher Hausputz bevor.

Die Wohnungstür schloss sich hinter ihr mit einem leisen, beinahe höflichen Klicken. In der erstarrten Stille wirkte dieses Geräusch wie ein Donnerschlag. Für einige Sekunden standen Ingrid Falkenberg und Denise Rother regungslos da und starrten auf die Tür, als hätte sich dahinter eine Welt aufgetan, zu der sie nun keinen Zutritt mehr hatten.

Im bläulichen Licht des Fernsehers flackerten weiterhin ungerührt Gesichter über die Wände — verzerrt, laut, belanglos.

Denise war die Erste, die sich rührte. Langsam ließ sie sich zurück in den Sessel sinken, doch ihre sonst lässige Haltung war verschwunden; ihre Schultern spannten sich an. Das Display ihres Handys war inzwischen schwarz geworden.

— Und? Bist du jetzt zufrieden? — zischte sie leise, ihre Stimme giftig wie das Fauchen einer Schlange. — Ich habe dir gesagt, lass sie in Ruhe. Das ist keine, die alles schluckt.

Ingrid Falkenberg fuhr abrupt herum. Ihr Gesicht glühte noch immer dunkelrot. Der Schock wich nun einer anderen, alles überrollenden Regung, die dringend ein Ventil suchte — und das nächstliegende Ziel befand sich direkt vor ihr.

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