«Ich wähle meine Frau» — sagt Viktor leise und schließt damit endgültig die Tür zur Familie

Schamlose Selbstsucht endet — endlich erhebt sich Widerstand.
Geschichten

— Ich bin nicht Ihre Haushälterin, Ingrid Falkenberg! Sie haben doch eine erwachsene Tochter, die bei Ihnen wohnt — soll sie doch Ihre Wohnung putzen! Ich bin die Ehefrau Ihres Sohnes, und Viktor und ich haben unser eigenes Zuhause, unsere eigene Familie. Punkt.

— Viktor, ich bin’s. Kannst du sofort vorbeikommen? Ich brauche dringend Einmachgläser.

Ingrid Falkenbergs Stimme klang am Telefon nicht im Geringsten bittend. Kein Hauch von Unsicherheit, kein Raum für ein Nein. Es war dieser glattgeschliffene, zugleich stählerne Tonfall, den Viktor Brandt schon als Jugendlicher nicht ertragen konnte.

Er schloss die Augen, rieb sich über den Nasenrücken und versuchte, die letzten Reste seiner abendlichen Ruhe festzuhalten. Eben noch hatte sich seine Schulter nach dem langen Arbeitstag entspannt — nun verhärtete sie sich wieder, als hätte man ihm eine unsichtbare Rüstung angelegt.

— Hallo, Mutter. Es ist ziemlich spät, ich bin gerade erst heimgekommen. Welche Gläser denn? Wir bringen sie dir morgen vorbei — antwortete er betont ruhig. Er wusste, dass jede Spur von Widerstand sofort gegen ihn verwendet würde.

Katharina Vogt, die ihm im Sessel gegenüber mit einem Buch auf dem Schoß saß, senkte unwillkürlich den Blick. Sie hörte nicht, was am anderen Ende gesagt wurde, doch sie kannte diesen Klang in Viktors Stimme nur zu gut. Er bedeutete das Ende des Abends. Und den Beginn eines altbekannten Spiels — zäh und quälend wie ein nie ganz vergehender Zahnschmerz.

— Was für welche? Die leeren vom Balkon natürlich! Mir ist eben eingefallen, dass ich die Gurken für den Winter einlegen muss. Und Denise Rother geht es schlecht, sie kann unmöglich einkaufen — jammerte Ingrid Falkenberg theatralisch. — Sie liegt hier völlig erschöpft. Oder bist du etwa müde? Hast du für deine eigene Mutter keine Kraft mehr? Ich verlange doch nicht, dass du Säcke schleppst.

Viktor schwieg. Sein Blick heftete sich an einen Punkt an der Wand, und Katharina bemerkte die tiefe Furche, die sich auf seiner Stirn bildete. Er steckte in der Falle. Ein Nein würde eine halbstündige Moralpredigt nach sich ziehen — von Undankbarkeit, Herzlosigkeit und mangelnder Pflichterfüllung.

Ein Ja hingegen bedeutete, sich wieder anzuziehen und quer durch die Stadt zu fahren, nur weil seine Mutter es plötzlich so wollte. „Denise geht es schlecht“ — das war stets ihr stärkstes Argument. Wann immer sie etwas durchsetzen wollte, zog sie diese Karte.

Die dreißigjährige Denise, kräftig wie ein Pferd, war erstaunlicherweise immer dann „krank“, wenn es um Arbeit, Haushalt oder Einkäufe ging.

Katharina sah, wie Viktor Luft holte, um doch noch zu widersprechen. Sie wusste jedoch, wie es enden würde. Es war einfacher, eine halbe Stunde zu investieren, als das Telefonat weiter eskalieren zu lassen und anschließend zuzusehen, wie ihr Mann zusammensank, als hätte man ihm jede Energie entzogen. Entschlossen legte sie das Buch beiseite und stand auf.

— Ich fahre — sagte sie leise, aber deutlich genug, dass Viktor sie hören konnte.

Er blickte zu ihr auf — Dankbarkeit und Schuld mischten sich in seinen Augen. Mit der Hand bedeckte er den Hörer.

— Katharina, das musst du nicht. Ich mache das schon …

— Bleib sitzen — unterbrach sie ihn ruhig. — Ich bin schneller zurück.

Sie trat zu ihm, nahm ihm das Telefon aus der Hand und setzte ein höfliches, beinahe süßliches Lächeln auf, das man auch durch die Leitung hören konnte.

— Guten Abend, Ingrid Falkenberg. Viktor ist wirklich sehr erschöpft. Ich sammle die Gläser jetzt ein und bringe sie Ihnen innerhalb der nächsten halben Stunde vorbei.

Am anderen Ende entstand eine kurze Pause. Offensichtlich hatte die Schwiegermutter mit einer anderen Wendung gerechnet; ihr kleines Drama war auf ihren Sohn zugeschnitten gewesen.

— Ach so… Katharina… Nun gut, wenn es so ist, dann bring sie eben — erwiderte sie schließlich, und die Enttäuschung war kaum zu verbergen.

Auf dem Balkon stand ein alter Karton, gefüllt mit staubigen Drei-Liter-Gläsern. Relikte aus vergangenen Zeiten, von denen man sich nie trennte. Mit spürbarem Widerwillen hob Katharina die Kiste an. Das Glas klirrte dumpf gegeneinander. Sie trug diese Last wie ein Sinnbild für Viktors Verpflichtungen — schwer, leer und vollkommen sinnlos, und doch unfähig, sich davon zu befreien.

Das Haus der Schwiegermutter empfing sie mit dem vertrauten Geruch abgestandener Möbel und einer säuerlichen Note aus der Küche. Im Treppenhaus flackerte eine einzige schwache Lampe und tauchte die bröckelnden Wände in ein fahles, bläuliches Licht. Alles wirkte noch bedrückender als sonst. Katharina klingelte.

Kurz darauf näherten sich schleppende Schritte. Als Ingrid Falkenberg die Tür öffnete und Katharina die Schwelle überschritt, war sofort klar: Hier lief eine sorgfältig inszenierte Aufführung.

Die Szene war so vorhersehbar, dass Katharina nur noch eine dumpfe, altbekannte Gereiztheit verspürte. Im Wohnzimmer, das vom grellen Schein eines lärmenden Talkshows auf dem übergroßen Fernseher durchflutet wurde, lag Denise Rother ausgestreckt in einem tiefen Sessel.

Die angeblich schwer leidende „Kranke“ scrollte seelenruhig auf ihrem Smartphone, dessen kaltes Licht ihr Gesicht erhellte. Neben ihr stand ein kleiner Tisch.

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