Trotz der eindringlichen Worte ihrer neuen Freundin fehlte Katharina Vogt lange der letzte Mut. Tag für Tag funktionierte sie weiter, als stünde sie neben sich. Sie kochte, wusch, organisierte – mechanisch, gefühllos, wie ein Haushaltsgerät, das man einschaltet, wenn man es braucht, und abstellt, sobald es seinen Zweck erfüllt hat.
Doch dann kam dieser Morgen. Sie blieb vor dem Badezimmerspiegel stehen und erkannte sich kaum wieder. Die müden Augen, die eingefallenen Schultern – war das wirklich sie? Ohne weiter nachzudenken griff sie nach ihrer Handtasche, in der sich Portemonnaie und Handy befanden, zog ihren Mantel über und verließ die Wohnung. Ob für immer oder nur für eine Weile, wusste sie selbst nicht. Aber sie wollte verschwinden – lange genug, damit ihre Familie vielleicht begriff, welchen Platz sie in ihrem Leben eingenommen hatte.
Die erste Woche wohnte sie bei Clara Neumann. Diese ließ keine Widerrede gelten, schleppte sie in Boutiquen, suchte mit ihr neue Kleidung aus und bestand auf einem Termin beim Friseur. „Du brauchst keinen Neuanfang“, sagte Clara bestimmt, „du brauchst nur dich selbst zurück.“
Währenddessen klingelte Katharinas Telefon unaufhörlich. Markus Brandt und die Kinder bombardierten sie mit Nachrichten – allerdings ausschließlich wegen ungeklärter Alltagsfragen: Wo sei die saubere Wäsche? Wer kaufe ein? Warum sei kein Essen vorbereitet? Kein einziges Mal fragte jemand, wie es ihr gehe oder weshalb sie gegangen war. Katharina beschloss, konsequent zu bleiben, und ignorierte die Anrufe.
Nach zwei weiteren Wochen mietete sie sich ein kleines Zimmer. Zum ersten Mal in ihrem Leben lebte sie nur für sich. Sie stand auf, wann sie wollte, aß, worauf sie Lust hatte, und genoss die Stille.
Eines Abends jedoch gab sie nach. Markus hatte seit dem frühen Morgen pausenlos versucht, sie zu erreichen. Schließlich nahm sie ab.
„Ja?“
„Sag mal, spinnst du?“, fuhr er sie an. „Du gehst einfach, meldest dich nicht mehr und tauchst zu Hause nicht auf! Wer hat dir erlaubt, so eine Nummer abzuziehen? Du bist sofort hier, verstanden? Sonst wirst du dich noch wundern!“
Katharina atmete ruhig ein. „Ich heiße nicht ‚Sag mal‘“, entgegnete sie kühl. „Mein Name ist Katharina Vogt. Und so möchte ich auch angesprochen werden. Ich bin gegangen, weil ich es satt habe, eure Dienstmagd zu sein. Respekt oder Dankbarkeit habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Stellt eine Haushälterin ein – aber denkt daran, dass ihr sie bezahlen müsst. Ich habe jahrelang umsonst für euch gearbeitet.“
Markus lachte höhnisch. „Mit deinem mickrigen Gehalt hältst du das doch keine zwei Monate durch.“
„Ich komme mit wenig aus“, antwortete sie gelassen. „Und was euch betrifft – das ist nicht länger mein Problem.“ Damit beendete sie das Gespräch und blockierte seine Nummer.
Später meldeten sich auch die Kinder. Sie drohten, den Kontakt abzubrechen, wenn sie nicht zurückkäme. Katharina schmerzte das, doch sie blieb standhaft. In eine Familie, die sie nur als Selbstverständlichkeit betrachtete, würde sie nicht zurückkehren. Nur wenn sich grundlegend etwas änderte – doch daran glaubte sie kaum. Also entschied sie sich, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen.
Ein halbes Jahr später reichte sie die Scheidung ein. Der Kontakt zu den Kindern brach weitgehend ab. Lediglich ihre Tochter suchte weiterhin die Nähe zur Mutter – allerdings erst, nachdem sie selbst geheiratet hatte und langsam verstand, was es bedeutete, ständig für andere da zu sein.
