„Ich kann dein ewiges Gejammer nicht mehr hören! Können wir wenigstens ein einziges Abendessen ohne diese leidige Beilage verbringen?“ Mit einer ruckartigen Bewegung schleuderte Markus Brandt den Löffel in seinen Teller. Soße und Kartoffelstücke spritzten über die Tischdecke. Die Botschaft war klar kalkuliert: Ein handfester Streit sollte verhindern, dass seine Frau es künftig noch einmal wagte, von Überforderung im Haushalt oder gar von Unterstützung zu sprechen.
„Und das hier räumst du auch noch weg! Du wirst von Tag zu Tag bequemer. Das Haus versinkt im Dreck, und du stellst dich hin, als wärst du eine ausgebeutete Dienstmagd!“ Mit angewidertem Blick erhob er sich, griff nach seinem Teller und verschwand ins Wohnzimmer, wo der Fernseher bereits lief.
„Ich wollte doch nur, dass du mir beim Abwasch hilfst“, sagte Katharina Vogt leise, beinahe entschuldigend.
Aus den Kinderzimmern lugten neugierige Gesichter hervor, angelockt vom Knallen der Schlafzimmertür.
„War ja klar, dass Papa irgendwann die Nase voll hat. Ganz ehrlich, ich würde so eine Schlampe auch nicht ertragen“, hörte sie ihren Sohn sagen, bevor die Tür wieder ins Schloss fiel.

Katharina blieb reglos stehen. „Also gut… eine Schlampe? Eine Sklavin?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber fest. „Wenn ihr meiner so überdrüssig seid, dann halte ich euch nicht länger auf.“
Im Flur blieb sie vor dem großen Spiegel stehen, der noch immer an die Wand gelehnt auf dem Boden stand. Wie lange hatte sie damals gebraucht, um genau dieses Modell auszusuchen? Stundenlang war sie durch Geschäfte gelaufen. Aufgehängt hatte Markus ihn nie – angeblich fehlten Zeit und Kraft.
Aus dem glänzenden Rahmen blickte ihr eine Frau entgegen, deren Gesicht von Müdigkeit gezeichnet war. Man hätte sie ohne Weiteres für deutlich über fünfzig halten können. Dabei war sie laut Personalausweis noch weit davon entfernt, auch nur an Rente zu denken. Wann hatte sie sich zuletzt wirklich angesehen?
„Leb wohl, Katharina Vogt“, murmelte sie ihrem Spiegelbild zu. „Ich hoffe, wir begegnen uns so schnell nicht wieder.“ Sie zog ihren Mantel über und verließ die Wohnung.
Die kühle Abendluft strich erfrischend über ihr Gesicht, ließ sie jedoch bald frösteln, sodass sie den Kragen höher zog. Ein Schal wäre jetzt gut gewesen. Und vielleicht ein paar Kleidungsstücke für die nächsten Tage. Doch wozu? Die drei armseligen Teile, die im Schrank eine einzelne Ablage belegten, waren kaum der Rede wert.
Im Kinderzimmer dagegen quoll der riesige Kleiderschrank über vor trendiger Mode. Markus gönnte sich ebenfalls regelmäßig neue Hemden oder Schuhe. Nur Katharina konnte sich nicht erinnern, wann sie sich zuletzt etwas Eigenes gekauft hatte. Immer gab es Wichtigeres, immer musste gespart werden – vorzugsweise an ihr.
So war es beinahe seit der Hochzeit gewesen. Nach Feierabend war sie nach Hause geeilt, um pünktlich zum Eintreffen ihres frisch angetrauten Mannes ein warmes Essen auf dem Tisch zu haben. Sie wollte ihn beeindrucken, ihm zeigen, wie sehr sie ihn schätzte, und hoffte auf ein anerkennendes Wort.
Vielleicht hatte sie sich zu sehr nach diesem Lob gesehnt. Denn mit der Zeit wurde seine Zustimmung zu etwas Seltenem, beinahe Unerreichbarem – ein Privileg, das sie sich nur durch Außergewöhnliches verdienen konnte.
„Nun, was hast du heute eigentlich geschafft?“
