Eine halbe Stunde später kehrte die Richterin in den Saal zurück und verkündete das Urteil. Die Stimme klang sachlich, beinahe nüchtern:
— Hiermit wird festgestellt, dass Claudia Reinhardt Anspruch auf die Hälfte des während der Ehe erworbenen Vermögens hat. Dies umfasst das Wohnhaus, sämtliche Bankguthaben sowie die Geschäftsanteile …
Matthias Dorn sprang empört auf.
— Das ist doch absurd! Ich gehe in Berufung!
— Das steht Ihnen selbstverständlich frei, — erwiderte die Richterin gelassen. — Das Urteil bleibt jedoch bis zu einer anderslautenden Entscheidung rechtskräftig.
Sechs Monate vergingen.
Claudia saß in ihrer nun offiziell abgetrennten Haushälfte am Küchentisch und knetete Teig für eine Torte. Nach der Vermögensaufteilung war das Gebäude in zwei eigenständige Wohneinheiten mit separaten Eingängen umgewandelt worden. Anfangs fühlte sich das befremdlich an, doch mit der Zeit gewöhnte sie sich daran. Matthias tauchte ohnehin kaum noch auf — er lebte inzwischen bei Franziska Neumann.
Ihr Handy vibrierte. Eine neue Bestellung aus dem Café an der Ecke: eine weitere Torte für den nächsten Tag. Claudia musste lächeln. Wer hätte gedacht, dass aus ihrem Hobby einmal eine kleine, florierende Backstube entstehen würde?
Es klingelte. Vor der Tür stand Lukas Dorn mit einem üppigen Blumenstrauß.
— Alles Gute zum Geburtstag, Mama!
— Ach, Lukas! — Sie schloss ihn gerührt in die Arme. — Danke, mein Schatz!
Er deutete auf ihre mit Mehl bestäubten Hände. — Du bist also wieder mitten in der Produktion?
— Und wie! Ich bin für zwei Wochen im Voraus ausgebucht. Die Aufträge reißen nicht ab!
— Respekt! — Er setzte sich an den Tisch. — Und? Lässt dich Vater in Ruhe?
Claudia rührte konzentriert die Creme.
— Er war letzte Woche hier. Offenbar hat er sich mit Franziska zerstritten.
— Tatsächlich? Und was wollte er?
— Er schlug ernsthaft vor, wieder zu mir zurückzukommen. Stell dir das vor. Er meinte: „Claudia, warum haben wir uns wie zwei Narren getrennt? Lass uns neu anfangen.“
Lukas schnaubte belustigt. — Und deine Antwort?
— Ich habe ihm gesagt, dass es zu spät ist. Dass ich mich selbst gerade erst wiedergefunden habe.
Ihr Sohn grinste zufrieden und stibitzte ein Stück rohen Teig.
— Ich bin stolz auf dich, Mama. Ehrlich. Ich hätte nie gedacht, dass du dich so neu erfinden würdest.
Claudia blickte nachdenklich aus dem Fenster. — Manchmal hält man etwas für ein Unglück, und erst später erkennt man, dass es eine Chance war.
Am Abend füllte sich das frisch renovierte Wohnzimmer mit Gästen: Kolleginnen aus der Fachhochschule, neue Freundinnen aus dem Backkurs, die Nachbarin Sabine Keller. Nach der Scheidung hatte Claudia alles umgestaltet — helle Wände statt dunkler Tapeten, leichte Vorhänge anstelle schwerer Stoffe. Matthias hatte massive Möbel und gedämpftes Licht bevorzugt. Sie dagegen wollte Helligkeit und Luft.
— Auf das Geburtstagskind! — rief Sabine und hob ihr Glas. — Auf unsere Heldin!
— Ach was, übertreibt nicht … — Claudia errötete.
— Ganz und gar nicht, — widersprach Judith Albrecht entschieden. — Viele Frauen verharren aus Angst im Alten. Du hattest den Mut, dein Leben neu zu ordnen.
Als die letzten Gäste gegangen waren, ließ sich Claudia mit einer Tasse Tee auf das Sofa sinken. Da klingelte es erneut. Vor der Tür stand Matthias, eine Schachtel Pralinen in der Hand.
— Herzlichen Glückwunsch, — murmelte er.
— Danke, — sagte sie knapp und blieb im Türrahmen stehen.
— Können wir reden?
— Worüber?
Er zögerte. — Du fehlst mir, Claudia.
Sie musterte ihn aufmerksam. Er wirkte gealtert, schmaler als früher. Doch in seinen Augen lag noch immer dieser berechnende Glanz.
— Und Franziska?
— Es ist vorbei. Sie war … nicht die Richtige.
— Und ich soll es sein? — Ein ruhiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. — Matthias, dieser Zug ist abgefahren. Ich habe mein eigenes Leben.
Er verzog das Gesicht. — Was für ein Leben? Du backst Torten.
— Unter anderem. Ich habe neue Freunde gefunden, singe inzwischen im Chor und fühle mich einfach wohl. Das reicht.
— Auch ohne mich?
— Kaum zu glauben, nicht wahr? — erwiderte sie sanft. — Zweiunddreißig Jahre lang habe ich mein Dasein nach dir ausgerichtet. Jetzt bin ich selbst an der Reihe.
Wortlos reichte er ihr die Pralinenschachtel und ging. Claudia schloss die Tür, lehnte sich dagegen und atmete tief durch.
— Ich habe es geschafft, — flüsterte sie. — Wirklich.
Am nächsten Morgen weckte sie das Klingeln ihres Telefons. Eine Kundin wollte eine Hochzeitstorte für dreißig Gäste bestellen.
— Ist sie bis Samstag fertig? — fragte die junge Frau hoffnungsvoll.
— Natürlich, — antwortete Claudia mit fester Stimme. — Ab jetzt traue ich mir alles zu.
Sie öffnete das Fenster. Frühlingssonne strömte herein und erfüllte den Raum mit Licht. So vieles lag vor ihr: ein professioneller Konditorkurs, eine Reise ans Meer mit ihren Freundinnen — und bald würde sie Großmutter werden. Lukas hatte ihr erst vor Kurzem die freudige Nachricht überbracht.
Mit einem Lächeln blickte sie in den Himmel.
— Wer hätte gedacht, dass das Leben mit fünfundfünfzig erst richtig beginnt?
