— Genau diese Entschlossenheit brauchen wir, — erwiderte Heike Brandt zustimmend. — Morgen sehen wir uns vor Gericht.
Der Verhandlungssaal war deutlich unscheinbarer, als Claudia es sich vorgestellt hatte. Kein ehrfurchtgebietender Raum, sondern eher ein nüchternes Büro: schlichte Holzbänke, ein erhöhter Richtertisch, darüber das Bundeswappen. Unruhig strich sie über den Riemen ihrer Handtasche und vermied es, zu Matthias Dorn hinüberzusehen, der ihr gegenüber saß und eine beinahe provokante Gelassenheit ausstrahlte.
— Versuchen Sie, ruhig zu bleiben, — murmelte Heike leise. — Wir sind hervorragend vorbereitet.
— Und wenn er sich wieder etwas ausdenkt? Sie wissen nicht, wozu er fähig ist …
— Glauben Sie mir, mit solchen Herren habe ich täglich zu tun, — entgegnete die Anwältin mit einem feinen Lächeln. — Sehen Sie, er ist mit Tobias Henning erschienen. Ein Anwalt, der gern vermögende Mandanten vertritt. Doch auch er kann keine Tatsachen aus der Welt schaffen.
In diesem Moment betrat die Richterin den Saal — eine Frau mittleren Alters mit müden, aber wachsamen Augen.
— Ich eröffne das Verfahren in der Sache Dorn gegen Dorn wegen Zugewinnausgleichs, — erklärte sie sachlich und überflog die Unterlagen. — Klägerseite?
Tobias Henning erhob sich. — Mein Mandant, Matthias Dorn, beantragt, die Forderungen der Beklagten abzuweisen. Sämtliche Vermögenswerte seien aus seinem privaten Kapital finanziert worden und laufen ausschließlich auf seinen Namen.
Claudias Finger krampften sich zusammen. Private Mittel? Ihr kamen die Jahre in den Sinn, in denen sie jeden Cent zurückgelegt hatte, damit der Hausbau vorankam. Die zusätzlichen Seminare an der Hochschule, die sie übernommen hatte, um „für unsere gemeinsame Zukunft“ vorzusorgen.
— Wie lautet Ihre Stellungnahme? — wandte sich die Richterin an die Beklagte.
Heike Brandt erhob sich. — Meine Mandantin widerspricht entschieden. Das Vermögen wurde während der Ehe erwirtschaftet. Frau Reinhardt hat sowohl finanziell als auch durch ihre Arbeitsleistung erheblich beigetragen. Wir verfügen über entsprechende Belege.
Matthias schnaubte verächtlich und beugte sich zu seinem Anwalt. Ein kurzes Flüstern, ein knappes Nicken.
— Welche Beweise legen Sie vor? — fragte die Richterin.
Heike öffnete ihre Aktenmappe. — Hier finden sich Quittungen, unterzeichnet von Herrn Dorn, über Beträge, die er von seiner Ehefrau für den Hausbau erhalten hat. Kontoauszüge, aus denen hervorgeht, dass Baumaterialien direkt von Frau Reinhardts Girokonto bezahlt wurden. Außerdem Abhebungen größerer Summen im Zeitraum der Bauphase sowie mehrere Zeugenaussagen.
— Das ist doch absurd! — fuhr Matthias auf. — An solche Schriftstücke erinnere ich mich nicht. Das liegt ewig zurück!
— Ich dulde keine Zwischenrufe, — entgegnete die Richterin streng. — Sie erhalten das Wort, wenn ich es erteile.
Die Dokumente wanderten nach vorn. Sorgfältig prüfte die Richterin jede Seite.
— Als nächsten Zeugen höre ich Lukas Dorn.
Lukas trat ein, sichtlich angespannt. Seine Hände zitterten leicht.
— Können Sie bestätigen, dass Ihre Mutter Geld in den Bau des Hauses investiert hat? — fragte die Richterin.
— Ja, — antwortete er nach kurzem Zögern. — Ich war noch jung, aber ich erinnere mich gut. Meine Mutter brachte regelmäßig Umschläge mit Bargeld zur Baustelle. Sie sagte oft: „Das ist mein Gehalt, das geht für die Materialien drauf.“
— Das ist doch lächerlich! — rief Matthias erneut. — Er sagt das nur, weil er auf ihrer Seite steht!
— Herr Dorn, noch eine Störung, und ich lasse Sie entfernen, — stellte die Richterin unmissverständlich klar.
Im Anschluss sagten weitere Zeugen aus. Sabine Keller, die Nachbarin, berichtete, wie Claudia einen Kredit aufgenommen hatte, um die erste Rate für das Grundstück zu begleichen. Eine Kollegin von der Hochschule schilderte, dass Claudia jahrelang zusätzliche Nachhilfestunden gab, „für die Badezimmerfliesen“, wie sie es damals augenzwinkernd formuliert hatte.
Mit jeder Aussage verlor Matthias ein Stück seiner selbstsicheren Haltung. Sein Anwalt blätterte hektisch in den Unterlagen, als suche er nach einem rettenden Argument.
— Erlauben Sie mir noch ein weiteres Schriftstück, — fuhr Heike fort und zog ein vergilbtes Blatt hervor. — Eine Vollmacht von Frau Reinhardt, mit der sie ihrem Ehemann gestattete, geschäftliche Angelegenheiten in ihrem Namen zu regeln. Und hier ein Kontoauszug, der belegt, dass das Startkapital für das Unternehmen von ihrem Sparkonto überwiesen wurde.
Ein spürbares Raunen ging durch den Saal. Matthias’ Gesicht verlor jede Farbe.
— Wo haben Sie das her? — presste er hervor.
— Aus dem Archiv der Bank, — antwortete Heike ruhig. — Solche Unterlagen werden dort sehr lange aufbewahrt.
Kurz darauf zog sich das Gericht zur Beratung zurück. Claudia saß wie erstarrt da. Sie wagte kaum zu hoffen, dass sich die Dinge tatsächlich zu ihren Gunsten entwickelten.
— Haben wir eine Chance? — flüsterte sie.
Heike lächelte und zwinkerte ihr zu. — Die Entscheidung spricht bereits für uns. Der Richterin sind die Hände gebunden. Das Gesetz steht eindeutig auf unserer Seite.
