— Welches gemeinsame Unternehmen denn? — Matthias lachte spöttisch auf. — Wovon redest du überhaupt? Du bist eine pensionierte Dozentin. Seit wann führst du Geschäfte?
— Ich habe ebenfalls Geld eingebracht. Und ich kann es belegen.
— Belegen? — Seine Stimme vibrierte plötzlich. — Ach bitte, Claudia! Das waren Geschenke.
— Dann klären wir das eben vor Gericht, — entgegnete sie ungewohnt fest und beendete das Gespräch.
Ihr Herz hämmerte bis zum Hals. So hatte sie noch nie mit ihm gesprochen. Jahrzehntelang war sie ausgewichen, hatte nachgegeben, geschwiegen. Zweiunddreißig Jahre lang. Und jetzt…
— Habe ich das wirklich gesagt? — murmelte sie leise und spürte zum ersten Mal seit Tagen ein vorsichtiges Lächeln.
Die folgenden Wochen verschwammen ineinander. Claudia sichtete Unterlagen, ordnete Kontoauszüge, kopierte Quittungen. Mehrmals traf sie sich mit ihrer Anwältin, ließ sich juristische Begriffe erklären, schrieb alles gewissenhaft mit. An der Hochschule meldete sie sich krank — ihre Gedanken kreisten zu sehr, um Vorlesungen halten zu können.
— Claudia, du wirst ja immer dünner, — bemerkte Judith Albrecht besorgt im Dozentenzimmer. — Du musst etwas essen.
— Später vielleicht, — winkte Claudia ab. — Erst muss ich die Unterlagen sortieren.
Judith senkte die Stimme. — Und… dieser Mann? Bedrängt er dich?
— Bisher nur am Telefon, — sagte Claudia trocken. — Er ruft ständig an und fordert mich auf, „vernünftig zu werden“. Als wäre ich diejenige, die den Verstand verloren hat.
Am Abend meldete sich ihr Sohn.
— Mama, er macht mich wahnsinnig, — klang Lukas Dorn erschöpft. — Jeden Tag versucht er, mich zu überreden, auf dich einzuwirken.
— Und was sagst du?
— Dass es eure Angelegenheit ist. Das hat ihm gar nicht gefallen.
Claudia atmete tief durch. Lukas hatte sich immer aus den Spannungen zwischen seinen Eltern herausgehalten. Vielleicht war das sogar gesünder für ihn gewesen.
— Und wie geht es dir wirklich? — fragte er nach einer Pause.
Sie schluckte. — Ich komme zurecht. Weißt du, ich habe alte Fotos gefunden. Von damals, als wir das Haus gebaut haben. Du warst noch ein Kind.
— Klar erinnere ich mich! Ich musste Ziegel schleppen! — Er lachte leise. — Und Papa hat Anweisungen gegeben.
— Ja. Und bezahlt habe ich.
— Wie bitte?
— Mein komplettes Gehalt ist damals in Baumaterial geflossen. Ich habe sogar noch die Rechnungen.
— Unglaublich. Er erzählt überall, er hätte alles allein gestemmt…
Ein Anrufsignal unterbrach sie. Matthias. Claudia drückte ihn weg.
— Schon wieder, — sagte sie leise. — Inzwischen täglich.
— Geh nicht ran.
— Tue ich nicht. Aber gestern stand er plötzlich vor der Tür.
Er war unangekündigt erschienen, mit diesem alten, dominanten Blick, der sie früher sofort verstummen ließ. Früher. Jetzt nicht mehr.
— Gib mir die Belege, — hatte er gefordert.
— Nein.
— Claudia, du spielst mit dem Feuer.
— Nein, Matthias. Das hast du getan. Mit mir. Zweiunddreißig Jahre lang.
Er hatte die Tür so heftig zugeschlagen, dass der Putz bröckelte.
Heute jedoch kam jemand anderes.
Eine junge Frau, geschniegelt, geschniegelt geschniegelt, mit selbstsicherem Lächeln und prüfendem Blick.
— Franziska Neumann, — stellte sie sich ohne Umschweife vor. — Wir müssen reden.
— Worüber? — Claudia verschränkte ruhig die Arme.
— Über Matthias. Er leidet. Ihr lasst euch doch ohnehin scheiden. Warum also dieses Theater?
— Welches Theater meinen Sie?
— Diese Forderungen. Das Haus. Das Geld.
— Mein Geld, — korrigierte Claudia sachlich.
Franziska verdrehte die Augen. — Ach bitte. Matthias hat das Geschäft aufgebaut. Und Sie waren doch…
— Was genau war ich?
Die junge Frau zögerte kurz. — Na ja… Hausfrau.
— Ich unterrichte seit drei Jahrzehnten an der Hochschule.
— Das spielt doch keine Rolle! — schnappte Franziska. — Matthias und ich lieben uns. Und Sie…
— Wie alt sind Sie, Franziska?
— Siebenundzwanzig, — kam es trotzig zurück.
— Mit siebenundzwanzig war ich auch überzeugt, dass alles einfach sei, — sagte Claudia ruhig. — Richten Sie Matthias aus, dass ich ihn vor Gericht erwarte.
Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, blieb Claudia lange vor dem Spiegel stehen. Feine Linien um die Augen, silberne Strähnen im Haar. Nein, sie war keine Konkurrentin für eine Siebenundzwanzigjährige. Aber darum ging es auch nicht.
— Ich kämpfe nicht um Jugend, — sagte sie ihrem Spiegelbild. — Ich kämpfe um Gerechtigkeit.
Am Abend meldete sich Heike Brandt.
— Frau Reinhardt, die Unterlagen sind fertig. Morgen reichen wir die Klage ein.
— So schnell?
— Warum zögern? Unsere Position ist sehr solide. Übrigens hat Ihr Ex-Mann versucht, mich einzuschüchtern.
— Wirklich? Und?
— Er hat es zumindest probiert, — erwiderte die Anwältin amüsiert. — Aber ich lasse mich nicht beeindrucken. Sind Sie bereit für die Verhandlung?
Claudia schwieg einen Moment. — Bereit vermutlich nicht, — sagte sie schließlich ehrlich. — Doch ich habe keine andere Wahl, und genau deshalb werde ich es durchstehen.
