In dieser Nacht fand Katharina keinen Schlaf. Neben ihr lag Martin Seidel und atmete gleichmäßig, hin und wieder von einem leisen Schnarchen unterbrochen, doch in ihrem Kopf jagte ein Gedanke den nächsten. Empörung, Fassungslosigkeit, Wut – alles vermischte sich zu einem einzigen Sturm.
Sie drehte sich zu ihm um und stupste ihn an. „Martin… schläfst du?“
Er brummte verschlafen. „Hm? Was ist denn?“
„Glaubst du wirklich, ich soll für den Autokredit deiner Schwester aufkommen?“
Er stieß ein schweres Seufzen aus und blinzelte ins Halbdunkel. „Können wir das nicht morgen klären?“
„Nein. Jetzt.“
Widerwillig richtete er sich auf und fuhr sich durchs Haar. „Bei uns in der Familie hält man zusammen. Wenn einer Hilfe braucht, springen die anderen ein. So war das schon immer.“
Katharina lachte trocken auf. „Hilfe? Nennst du das Hilfe? Sie wollen sich auf meine Kosten einen Neuwagen leisten. Das ist keine Unterstützung, das ist dreist.“
„Johanna hat versprochen, alles zurückzuzahlen.“
„Und du glaubst ihr?“ Katharina setzte sich ebenfalls auf. „Erinnerst du dich, als Irina Volkmer Geld für ihre Renovierung brauchte? Wo ist das geblieben?“
Martin zögerte. „Das ist doch meine Mutter…“
„Eben!“ Mit einer entschlossenen Bewegung knipste sie das Licht an. „Ich werde ganz sicher nicht zum Geldautomaten eurer Familie.“
Am nächsten Morgen griff sie noch vor dem Frühstück zum Telefon und rief ihre Freundin Elisa Brandt an.
„Du glaubst nicht, was sie von mir verlangen“, platzte sie heraus. „Ich soll die Raten für Johannas Auto übernehmen.“
„Das ist nicht dein Ernst!“ Elisa war empört. „Und Martin sagt nichts dagegen?“
„Schlimmer. Er verteidigt sie. Von wegen Familie, Tradition, Zusammenhalt.“ Katharina imitierte seinen Tonfall bitter.
„Sag mir bitte, dass du da nicht mitmachst.“
Katharina schwieg einen Moment. „Wenn ich nachgebe, werde ich künftig für alles herhalten müssen. Wenn ich ablehne, erklären sie mich zur Feindin.“
„Und was genau verlierst du?“ entgegnete Elisa scharf. „Respektieren sie dich jetzt etwa?“
Nachdem sie aufgelegt hatte, setzte sich Katharina an ihren Laptop. Sie las Erfahrungsberichte in Foren, in denen Menschen schilderten, wie sie von Verwandten unter Druck gesetzt worden waren. Immer wieder tauchte derselbe Rat auf: klare Grenzen ziehen, keine fremden Schulden übernehmen, sonst hört es nie auf.
Am Abend klingelte ihr Handy.
„Katharina, hast du dich entschieden?“ Johannas Stimme klang fordernd. „Morgen gehen wir zur Bank.“
„Ich denke noch darüber nach“, antwortete sie ruhig.
„Was gibt es da zu überlegen? Ich habe allen schon erzählt, dass wir das Auto kaufen.“
„Das ist deine Entscheidung gewesen“, erwiderte Katharina und staunte selbst über ihre Festigkeit.
„Willst du uns etwa hängenlassen? Deine eigene Familie?“
„Es ist nicht mein Kredit. Und ich werde ihn auch nicht bedienen.“
Am anderen Ende herrschte einen Moment Stille, dann kam Johannas kalte Stimme: „Jetzt verstehe ich, warum meine Mutter dich immer…“
Katharina beendete das Gespräch, bevor sie den Satz hören musste. Ihre Hände zitterten, doch innerlich fühlte sie sich merkwürdig klar.
Keine Stunde später meldete sich Irina Volkmer persönlich.
„Was soll dieses kindische Theater?“ fuhr sie Katharina an. „Johanna ist völlig aufgelöst. Schämt man sich denn nicht? Weißt du überhaupt, was Familie bedeutet?“
„Doch, das weiß ich“, entgegnete Katharina beherrscht. „Aber ich werde diesen Kredit nicht übernehmen.“
„Wie egoistisch!“ Die Schwiegermutter legte abrupt auf.
Als Martin am Abend nach Hause kam, fand er seine Frau am Esstisch vor, umgeben von Unterlagen und einem Taschenrechner.
„Was machst du da?“
„Ich bereite mich vor“, sagte sie ruhig. „Für das Gespräch mit deiner Familie. Ich werde meine Entscheidung schriftlich festhalten.“
Er starrte sie an. „Bist du verrückt? Damit provozierst du sie doch nur.“
„Dann sollen sie eben verärgert sein. Das ist immer noch günstiger, als anderthalb Millionen Euro aus unserem Haushaltsplan zu reißen.“
Er sagte nichts. In seinem Blick lag Unsicherheit – und vielleicht auch ein Anflug von Achtung.
In den folgenden Tagen hing eine spürbare Spannung über der Wohnung. Martin wirkte niedergeschlagen und wich den Anrufen seiner Verwandten aus. Katharina hingegen arbeitete strukturiert: Sie druckte ihre Haushaltsaufstellung aus, listete sämtliche Fixkosten auf und formulierte ein sachliches, aber unmissverständliches Schreiben, in dem sie ihre Ablehnung begründete.
