Die Verwandtschaft ihres Mannes hatte eine erstaunliche Erwartung: Die Schwiegertochter sollte für ihren Autokredit geradestehen. Allerdings rechnete niemand damit, wie Katharina Baumann darauf reagieren würde.
„Katharina, hast du schon gehört? Wir schaffen uns einen neuen Wagen an!“ Johanna Kern, die Schwester von Martin Seidel, beugte sich mit einem süßlichen Lächeln über den Tisch.
Das Sonntagsessen verlief wie immer – laut, eng, voller Stimmen. Katharina saß an Martins Seite, höflich lächelnd, doch innerlich auf Abstand. Seit zwei Jahren war sie nun Teil dieser Familie, und dennoch fühlte sie sich häufig wie eine Besucherin.
„Nein, das ist mir neu“, antwortete sie ruhig und stellte ihre Teetasse ab. „Was für ein Modell soll es denn werden?“
„Ein Kia! Du müsstest das Interieur sehen, einfach großartig!“ Johanna strahlte übers ganze Gesicht. „Wir haben bereits eine Probefahrt gemacht. Morgen könnten wir ihn abholen.“

Aus der Ecke des Esszimmers ließ Irina Volkmer, die Schwiegermutter, ein vielsagendes Räuspern hören.
„Nun ja“, sagte sie gedehnt, „bei der Bezahlung gibt es noch eine kleine Schwierigkeit.“
Katharina spürte sofort, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Der Tonfall verhieß nichts Gutes.
Johanna rückte näher. „Wir haben in der Familie darüber gesprochen. Du hast doch ein sicheres Einkommen. Als Buchhalterin bist du bestens abgesichert, bei dir läuft alles geregelt.“
Katharina legte langsam ihr Besteck beiseite. „Und was genau bedeutet das?“
„Wir wollten dich bitten, den Kredit zunächst über deinen Namen laufen zu lassen. Nur vorübergehend! Natürlich zahlen wir dir jeden Cent zurück, Ehrenwort.“
Einen Moment lang war es still. Mehrere Augenpaare ruhten erwartungsvoll auf ihr, als handle es sich um eine Selbstverständlichkeit.
„Ihr möchtet also, dass ich euren Autokredit übernehme?“
„Denk doch nicht gleich negativ“, mischte sich Irina Volkmer ein. „Wir sind doch eine Familie. Man unterstützt sich gegenseitig.“
„Um welche Summe geht es?“ Katharina zwang sich zu Gelassenheit, obwohl in ihr bereits Zahlenkolonnen aufstiegen.
Johanna winkte ab. „Ach, nicht der Rede wert. Etwa 1,7 Millionen Euro. Laufzeit drei Jahre.“
„Wie bitte?“ Katharina verschluckte sich beinahe. „Ist das euer Ernst?“
Sie sah zu Martin. Er studierte auffällig intensiv seinen Teller.
„Martin, war dir dieser Plan bekannt?“
„Wir haben… darüber gesprochen“, murmelte er.
„Und du hältst das für eine gute Idee?“
Er hob hilflos die Schultern. „Sie sind doch meine Familie. Außerdem wollen sie alles zurückzahlen.“
„Selbstverständlich tun wir das!“ rief Johanna empört. „Zweifelst du etwa an uns?“
Katharina schwieg. Ihr Gehalt. Die Hypothek für die Wohnung. Nebenkosten, Lebensmittel. Und nun ein riesiger Kredit für ein Auto, das sie nie fahren würde.
„Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken“, sagte sie schließlich.
„Was gibt es da zu überlegen?“ wunderte sich die Schwiegermutter. „Du gehörst doch zu uns. In einer Familie hilft jeder jedem.“
„Sei doch nicht so kleinlich, Tante Katharina“, warf ein Neffe ein und grinste schief.
Katharina erhob sich. „Ich habe noch nie Schulden gemacht. Und ganz sicher habe ich noch nie fremde Kredite übernommen. Das ist keine Kleinigkeit.“
„Heißt das, du willst uns nicht helfen?“ Johanna verschränkte die Arme. „Bist du wirklich so knauserig?“
„Johanna, jetzt reicht es“, sagte Martin leise, ohne wirkliche Entschlossenheit.
„Ich verstehe nur nicht, warum sie sich so anstellt! Wir sind doch keine Fremden!“
Katharina verließ das Esszimmer und ging in die Küche. Ihre Hände zitterten. Weshalb fühlte sie sich, als hätte sie etwas Unrechtes getan? Sie hatte ihr Leben lang gearbeitet, gespart, Verantwortung übernommen – und nun sollte sie für den Luxus anderer geradestehen?
Kurz darauf kam Martin hinterher. „Was ist denn los mit dir?“
Sie fuhr herum. „Ist dir klar, was das bedeutet? Das entspricht fast meinem Jahresgehalt!“
„Sie werden es schon zurückzahlen“, entgegnete er unsicher.
„Wann denn? Und wovon? Johanna hat seit fünf Jahren keinen festen Job!“
Er wich ihrem Blick aus. „Aber es sind meine Verwandten.“
„Eben“, sagte sie scharf. „Deine. Und anscheinend habt ihr alles schon beschlossen, ohne mich wirklich einzubeziehen.“
In diesem Moment klärte sich etwas in ihr. Es war kein blinder Zorn, sondern ein fester Entschluss. Sie würde diesen Kredit nicht übernehmen. Unter keinen Umständen.
An diesem Abend ging Katharina mit einem Gefühl ins Bett, das sie nicht mehr losließ – eine Mischung aus Enttäuschung und wachsender Entschlossenheit.
