«Der Schlüssel gehört einfach nicht mehr hierher» — sagt sie ruhig durch das Holz und lässt ihn vor verschlossener Tür stehen

Feige Flucht, erbärmliche Ausrede, befreiende Klarheit.
Geschichten

Ich trank die heiße Brühe in kleinen Schlucken. Trotz der Wärme, die sich langsam in mir ausbreitete, lief mir ein Frösteln über den Rücken. Doch seltsamerweise wurde mein Kopf klar – so klar wie ein eiskalter Wintermorgen.

In dieser Wohnung befand sich genau eine erwachsene Person, die Verantwortung übernahm. Und das war ich.

Wenn ich also selbst mit allem fertigwerde – mit Fieber, Einkäufen, Entscheidungen –, wozu brauche ich dann jemanden an meiner Seite, der schon vor meinem Atem Reißaus nimmt?

Noch bevor ich bewusst darüber nachdachte, griff ich nach dem Handy. Nicht, um meinen Mann anzurufen. Nein. Ich öffnete die Suchleiste und tippte langsam, Buchstabe für Buchstabe, weil meine Finger noch zitterten:

„Schlüsseldienst. Sofortiger Austausch von Türschlössern. Rund um die Uhr.“

Der Klang von Veränderung

Der Monteur erschien schneller, als ich erwartet hatte. Seine Augen waren gerötet vor Müdigkeit, sein Blick streifte kurz meinen dicken Bademantel, doch er stellte keine unnötigen Fragen.

„Nur den Zylinder wechseln oder das komplette Schloss?“, fragte er sachlich, während er sein Werkzeug auspackte.

„Alles neu“, antwortete ich. Meine Stimme klang rau, aber sie schwankte nicht.
„Und bitte etwas wirklich Sicheres.“

Die Bohrmaschine heulte auf und fraß sich kreischend durch das Metall. Dieses scharfe Geräusch wirkte besser als jedes Medikament. Es war, als würde mit jedem Funken und jedem Span ein Stück Vergangenheit herausgeschnitten und zu kaltem Staub zermahlen.

Als der Handwerker mir schließlich das neue Schlüsselbund reichte – schwer, noch leicht ölig vom Einbau –, atmete ich zum ersten Mal seit einem Tag tief durch.

„Was mache ich mit dem alten?“, fragte er und deutete auf das ausgebaute Schloss.

„Entsorgen Sie es bitte.“

Die folgenden drei Tage vergingen in Stille.

Kein Anruf. Keine Nachricht. Offenbar nahm mein Mann seine Mission, die eigene Gesundheit zu schützen, sehr ernst. Oder er genoss schlicht das bequeme Leben bei seiner Mutter – gutes Essen, Fürsorge und keine kranke Ehefrau, die ihn störte.

Ich hingegen kam langsam wieder zu Kräften.

Erstaunlich, wie schnell ein Körper sich erholt, wenn niemand mit vorwurfsvollem Blick durch die Wohnung stapft. Niemand, der demonstrativ seufzt oder nach dem Abendessen verlangt mit dem Hinweis: „Du liegst doch sowieso nur herum.“ Keine laut aufgedrehten Nachrichten im Hintergrund.

Ich schlief, wann immer mir danach war. Aß im Bett. Lüftete ausgiebig. Die Stille verlor ihren bedrohlichen Klang – sie wurde wohltuend, beinahe heilend.

Am dritten Tag war das Fieber verschwunden. Ich stand auf, gönnte mir eine lange Dusche und spülte nicht nur den Schweiß, sondern auch das klebrige Gefühl der Demütigung von mir ab. Frische Kleidung, saubere Haare. Dann kochte ich starken Tee mit Zitrone – genau der, den mir der Kurier gebracht hatte, nachdem der andere einfach verschwunden war.

In diesem Moment hörte ich es.

Ein hartes Kratzen im Schloss.

Ich erstarrte, die Tasse in der Hand.

Das Geräusch kam wieder – energischer, gereizt. Jemand versuchte mit Nachdruck, einen Schlüssel zu drehen, der nicht mehr passte. Danach wurde an der Klinke gerüttelt. Einmal. Noch einmal.

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