«Der Schlüssel gehört einfach nicht mehr hierher» — sagt sie ruhig durch das Holz und lässt ihn vor verschlossener Tür stehen

Feige Flucht, erbärmliche Ausrede, befreiende Klarheit.
Geschichten

„Hier wimmelt es doch geradezu von Keimen. Und richtig lüften kann man auch nicht“, fuhr er fort und zog die Sporttasche am Reißverschluss zurecht. „Ich fahre zu meiner Mutter. Bleibe ein paar Tage dort, bis du dich hier… ausgehustet hast. Ihr Sofa ist frei.“

„Du gehst?“ Meine Stimme klang fremd in meinen Ohren – rau, dünn, beinahe flehend.

„Ich habe fast vierzig Grad Fieber. Falls es schlimmer wird, brauche ich vielleicht Hilfe.“

„Dann ruf eben den Notdienst!“

Er sah mich verständnislos an. „Das Telefon liegt doch neben dir. Was soll ich hier ausrichten? Ich bin kein Arzt. Am Ende liege ich auch flach, und wir blockieren uns gegenseitig. Wem nützt das? Wenn ich fit bleibe, kann ich arbeiten, Geld verdienen und dir später etwas zu essen vorbeibringen. Ich stelle es vor die Tür.“

Später.

Im Flur hörte ich ihn geschäftig hantieren. Die Kühlschranktür ging auf. Glas klirrte, eine Tüte raschelte.

„Ich nehme die Zitronen mit, ja?“ rief er bereits aus dem Eingangsbereich.

„Und den Honig auch. Mama hat keinen mehr. Süßes sollst du jetzt ohnehin meiden, belastet nur.“

Ich lag reglos da und starrte auf das Wasserglas auf dem Boden neben der Tür. Drei Meter entfernt. Für mich eine Expedition.

Er packte die Zitronen ein. Er nahm den Honig. Und er verstaute sein kostbares Wohlbefinden sorgfältig in der Sporttasche.

„Hast du den Schlüssel?“ Mehr fiel mir nicht ein. Reflex einer Ehefrau mit Routine.

„Natürlich. Mach dir keine Sorgen. Kurier dich aus, Marlene. Trink viel. Und… ruf vorerst nicht an, ja? Ich möchte vor der Arbeit schlafen, und deine Stimme klingt so… krank. Das macht mich nervös.“

Das Schloss schnappte zu wie ein Schuss.

Einmal gedreht. Zweimal.

Dann Stille.

Ein einziger Erwachsener

Ich war allein. In der Wohnung mischte sich sein Aftershave mit dem säuerlichen Geruch meines Fieberschweißes. Auf dem Nachttisch vibrierte mein Handy. Eine Push-Nachricht der Bank: „Zahlung erfolgt. Supermarkt. 350 Euro.“ Offenbar hatte er sich noch Reiseproviant besorgt.

Merkwürdig – Panik blieb aus. Mit Erik war auch diese klebrige, hektische Angst verschwunden. Niemand jammerte mehr, niemand fürchtete sich vor jedem Atemzug, niemand verlangte absolute Sicherheitsgarantien.

Ich tastete nach dem Telefon. Das Display verschwamm, doch meine Finger fanden blind die richtige App.

Lieferdienst. Alles, was ich brauchte: Vitamine, Nasenspray, Saft, Hühnerbrühe.

„Voraussichtliche Zustellung: 15 Minuten.“

Eine Viertelstunde später klingelte es. Schwankend, die Hand an der Wand entlang, schaffte ich es bis zur Wohnungstür. An der Klinke hing eine Tüte.

Der Kurier, den ich nicht einmal zu Gesicht bekam, hatte für zweihundert Euro Liefergebühr mehr für mich getan als mein Mann in zwanzig Ehejahren zustande gebracht hatte.

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