«Der Schlüssel gehört einfach nicht mehr hierher» — sagt sie ruhig durch das Holz und lässt ihn vor verschlossener Tür stehen

Feige Flucht, erbärmliche Ausrede, befreiende Klarheit.
Geschichten

„Neununddreißig Komma zwei“, murmelte ich in den leeren Raum.

Meine Stimme klang dumpf und fern, als läge eine schwere Decke aus Watte über meinem Gesicht.

Erik Bergmann lehnte im Rahmen der Schlafzimmertür. Seit gut drei Stunden – seit meinem ersten Niesanfall – hatte er keinen Schritt mehr ins Zimmer gesetzt. Den Rücken presste er gegen das Holz, als könnten diese paar zusätzlichen Zentimeter Abstand ihn vor allem schützen, was sich in unserer Zwei‑Zimmer‑Wohnung unsichtbar verbreitete.

„Na wunderbar“, brummte er und zog sich den Ärmel seines T‑Shirts über Mund und Nase.

„Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht mit der U‑Bahn fahren. Hab ich das nicht gesagt?“

Die Zimmerdecke drehte sich langsam gegen den Uhrzeigersinn. Was ich brauchte, waren keine Vorhaltungen. Ich sehnte mich nach einem Glas kühlem Johannisbeersaft und nach einer Hand, die mir das verrutschte Kissen zurechtrückte.

Doch Erik blieb auf Distanz. Sicherheitsabstand – wie an der Supermarktkasse.

Ein Fremder in der eigenen Wohnung.

„Erik, bitte… bring mir etwas Wasser. Und schau im Medizinschrank nach, ob noch Fiebersenker da sind.“

Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. In seiner Haltung lag genau jener Ausdruck, den ich in fünfundzwanzig Jahren Ehe immer wieder gesehen hatte, sobald es schwierig wurde: der Wunsch, sich in Luft aufzulösen. Unsichtbar zu werden, bis das Problem sich von selbst erledigt hatte.

„Marlene, das ist doch jetzt nicht dein Ernst. Wenn ich da reingehe, schwirren da deine… na ja, Keime herum.“ Er lachte kurz und unsicher, doch seine Augen blieben kühl.

„Ich habe morgen einen Termin mit Auftraggebern. Ein wichtiges Projekt. Wenn ich mich anstecke und ausfalle, verlieren wir Geld. Daran hast du wohl nicht gedacht?“

Ich schloss die Lider.

Ob ich ans Geld dachte, während jeder einzelne Knochen schmerzte, als würde jemand ihn aus dem Gelenk drehen?

„Bitte. Nur ein Glas Wasser.“

Er verschwand im Flur. Kurz darauf rauschte in der Küche der Wasserhahn. Das Plätschern klang in der stillen Wohnung übertrieben laut, fast höhnisch.

Eine Minute später tauchte er wieder auf – blieb jedoch an der Schwelle stehen. Das Glas stellte er auf dem Boden ab, direkt neben der Tür.

„Hol es dir, wenn ich weg bin.“

Es fühlte sich an wie eine Fütterung im Tierpark. Ich starrte das Glas an, und eine kalte, klebrige Gänsehaut kroch mir über den Rücken.

Dann geschah das, was ich wohl immer gefürchtet und zugleich erwartet hatte.

Im Flur erklang das kratzende Geräusch eines Reißverschlusses.

Rrrtsch.

Eine Pause.

Rrrtsch.

Mit Mühe stemmte ich mich auf den Ellbogen. Mein Kopf war schwer wie aus Gusseisen.

„Wo willst du hin?“

Flucht mit Zitronen.

Erik erschien im Türrahmen des Flurs. Er hatte sich umgezogen: Jeans, frischer Pullover. Über dem Gesicht trug er eine Maske – in seiner eigenen Wohnung.

„Marlene, sei doch vernünftig“, begann er in diesem belehrenden Tonfall, den er sonst anschlug, wenn er erklärte, warum er irgendwo nicht mitfahren könne.

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