Katharina Brandt, die Frau von Martins jüngerem Bruder, lachte spitz auf. „Sie hat doch ihren kleinen Schönheitssalon und fährt dieses rote Auto. Da muss sie natürlich zeigen, was sie kann. Und wir? Wir nehmen eben, was angeboten wird. Wäre doch schade drum.“
„Ganz genau“, stimmte Sabine Krüger, Martins Schwester, ein. „Eigentlich ist sie nicht dumm. Aber sie lässt alles mit sich machen. Ich hätte längst klare Grenzen gezogen.“
Ein leises Klirren – Ingrid Malcher stellte ihren Löffel ins Glas zurück. „Sie hat nun einmal keine eigenen Kinder“, sagte sie gedehnt. „Irgendwohin muss ihre Fürsorge ja. Also spielt sie Mutter bei uns. Nur gehören wird sie trotzdem nie richtig dazu. Sie bleibt… außen vor.“
Claudia stand noch im Flur, die Einkaufstasche mit Joghurt und Quark in der Hand. In ihr war keine Empörung, kein Stich im Herzen. Es war eher ein kaltes, nüchternes Verstehen.
Außen vor.
Sie drehte sich wortlos um, zog die Tür behutsam hinter sich ins Schloss, ging die Treppe hinunter, setzte sich ins Auto und startete den Motor. Erst als der Wagen rollte, ließ sie die angestaute Luft aus ihren Lungen entweichen.
Am Abend kam Martin spät nach Hause. Er stellte sich einen Teller in die Mikrowelle, setzte sich vor den Fernseher.
„Martin“, sagte Claudia ruhig.
„Hm?“
„Deine Mutter meint, ich sei für euch eine Fremde.“
Er sah nicht einmal auf. „Ach, du kennst sie doch. Sie redet viel, wenn der Tag lang ist.“
„Und du? Siehst du das auch so?“
Stille. Schließlich wandte er den Blick vom Bildschirm ab. „Claudia… wir sind eben eine eigene Familie. Du bist dabei, klar. Aber nicht ganz im Kern. Jeder braucht doch seine Grenzen. Das ist normal.“
Sie nickte langsam. „Verstanden.“
„Gut. Dann mach kein Drama daraus.“ Schon war seine Aufmerksamkeit wieder beim Handy.
In diesem Moment fiel innerlich etwas endgültig an seinen Platz.
Am nächsten Morgen ging Claudia zur Bank. Sie löste die gemeinsame Kreditkarte auf, entzog Martin die Vollmacht in der Familien-App und stoppte sämtliche Daueraufträge, die auf fremde Konten liefen.
Der erste Anruf kam von Ingrid Malcher. „Claudia, mit der Karte stimmt etwas nicht! Die Abbuchung wurde abgelehnt. Ich brauche dringend meine Medikamente!“
„Dann lassen Sie sich in der Praxis ein Kassenpräparat verschreiben“, antwortete Claudia sachlich.
„Ein Kassenpräparat? Ich vertrage nur das teure! Mein Blutdruck!“
„Meiner ist auch nicht ideal“, erwiderte Claudia gelassen. „Aber ich gebe mein Geld künftig nur noch für mich selbst aus.“
„Bist du verrückt geworden? Ich rufe sofort Martin an!“
„Tun Sie das.“
Der Hörer knallte auf die Gabel.
Eine Stunde später klingelte ihr Telefon erneut.
„Was soll das?“ Martins Stimme bebte vor Wut. „Mama ist völlig aufgelöst! Sie sagt, du lässt sie im Stich!“
„Ich lasse niemanden im Stich. Ich habe nur aufgehört, als Geldautomat zu funktionieren.“
„Claudia, benimm dich nicht kindisch!“
„Gerade weil ich erwachsen bin, Martin. Erwachsene finanzieren nicht dauerhaft das Leben anderer. Kauf deiner Mutter die Medikamente. Oder bitte deine Schwestern, sich zu beteiligen.“
„Die haben kein Geld!“
„Ich jetzt auch nicht mehr.“
Sie legte auf.
