«Heirate mich. Wenn du meine Frau bist, lassen sie dich in Ruhe» — sagte Tobias mit fester, beinahe nüchterner Stimme

Unverdiente Schmach, die dennoch widerstandsfähig macht.
Geschichten

…doch Tobias Kern war anders. Alina bemerkte sehr wohl, wie er sie ansah – sein Blick hatte nichts Brüderliches an sich –, aber er überschritt nie eine Grenze.

„Sag mal, hast du etwa ein Auge auf diesen Sonderling geworfen?“, hatte ihr Vater sie eines Abends unvermittelt gefragt.

„Wie kommst du denn darauf?“, fauchte sie zurück.

„Na, umso besser. Ich habe nämlich schon einen Bräutigam für dich im Kopf.“

„Ich brauche keinen Bräutigam!“, protestierte sie empört.

„Als würde dich jemand fragen“, brummte er nur.

Sie hatte das für leeres Gerede gehalten. Doch eines Tages kam sie von der Arbeit zurück und ihre Mutter stand bereits am Gartentor.

„Komm schnell rein, wir haben Besuch!“

„Was für Besuch denn?“

„Das wirst du gleich sehen.“

Im Wohnzimmer wartete Sebastian Lorenz aus dem Nachbarort. Zehn Jahre älter als sie, Witwer, zwei Kinder. Seine Frau war unter merkwürdigen Umständen verschwunden; Wochen später hatte man sie im Wald gefunden. Alina fröstelte, wenn sie an seinen schweren Blick und seine schmierigen Scherze dachte.

„Ich muss los“, sagte sie nach kurzer Zeit und griff nach ihrer Jacke.

„Ich bringe dich“, bot Sebastian sofort an.

Wie sie es befürchtet hatte, versuchte er unterwegs, sie an sich zu ziehen und zu küssen. Mit Mühe riss sie sich los und lief den restlichen Weg allein.

Am nächsten Tag stellte Tobias sich ihr in den Weg. „Ach so läuft das also? Bei mir spielst du die Unnahbare, und mit dem knutschst du gleich drauflos?“

„Woher willst du das wissen?“, fuhr sie ihn an.

„Ich war gestern bei euch, wollte endlich mal auf einen Tee vorbeikommen. Und da sehe ich euch beide.“

Sie bemerkte, wie sein Adamsapfel hüpfte und seine Fäuste sich ballten. Plötzlich musste sie lachen.

„Na gut, wenn du schon da warst – komm heute auf einen Tee.“

In der Küche erzählte Alina ihm alles: wie panisch sie sich damals in der Lagerhalle gefühlt hatte, wie ihr Vater sie überredet hatte, die Anzeige wegen eines lumpigen Stücks Metall zurückzuziehen, wie sie zum Nachbarn geflüchtet war, nur um nicht zu Hause bleiben zu müssen.

„Und jetzt will er mich als Kindermädchen zu fremden Leuten abschieben, damit er sich mein Haus unter den Nagel reißen kann.“

Tobias hörte ihr aufmerksam zu und ließ sie ohne eine einzige Unterbrechung ausreden.

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