«Heirate mich. Wenn du meine Frau bist, lassen sie dich in Ruhe» — sagte Tobias mit fester, beinahe nüchterner Stimme

Unverdiente Schmach, die dennoch widerstandsfähig macht.
Geschichten

Doch Alina Bergmann dachte nicht daran, in das Haus zurückzukehren, das für sie nur bittere Erinnerungen barg – und erst recht nicht zu Menschen, denen sie innerlich längst nicht mehr verzeihen konnte.

„Egoistin!“, schallte es eines Tages über den Gartenzaun, als ihre Mutter sie entdeckte.

Die Begegnung kam unverhofft. Alina war gerade vom Dorfladen auf dem Heimweg, beide Arme voll schwerer Tüten mit Mehl und Zucker. Wie viele andere arbeitete sie im Kuhstall, und sobald der Lohn ausgezahlt wurde, legte sie sich Vorräte an. Großeinkäufe waren unmöglich – sie schaffte schlicht nicht alles auf einmal.

„Ich fahr dich“, hatte ihr Vater mehr als einmal angeboten.

Doch in dieses verhasste Auto stieg sie kein einziges Mal. Und sie würde es auch künftig nicht tun. Als sie Motorengeräusch hinter sich hörte, glaubte sie schon, er sei es wieder. Stattdessen hielt Tobias Kern neben ihr – ein ehemaliger Klassenkamerad, dem sie seit gut drei Jahren nicht begegnet war.

„Steig ein, ich bring dich heim“, sagte er schlicht.

Alina schüttelte nur den Kopf. Daraufhin stellte Tobias den Motor ab, ließ den Wagen am Straßenrand stehen, nahm ihr wortlos eine der Taschen ab und ging neben ihr her.

Er hatte sich kaum verändert: noch immer schmal gebaut, mit den abstehenden Ohren, die schon in der Schule auffielen.

„Bekomm ich wenigstens einen Tee?“, fragte er schließlich.

Sie sah ihn prüfend an. „Was willst du eigentlich von mir?“

„Du gefällst mir“, antwortete er ohne Umschweife.

„Wir haben doch früher kaum ein Wort miteinander gewechselt!“

„Stimmt. Du hast mich nie beachtet. Aber ich war seit der sechsten Klasse in dich verliebt.“

„Das ist ewig her.“

„Na und?“

Sie erwiderte nichts.

Einen Tee bekam er trotzdem nicht. Doch Tobias blieb hartnäckig. Mal wartete er nach Feierabend vor dem Stall, mal tauchte er beim Laden auf, trug ihr die Einkäufe oder trottete einfach plaudernd neben ihr her. Vor Kurzem war er aus dem Norden zurückgekehrt, wo er genug verdient hatte, um sich ein Auto zu leisten; gemeinsam mit seinem Vater baute er an einem eigenen Haus. Anfangs ging ihr seine Beharrlichkeit auf die Nerven, später gewöhnte sie sich fast daran. Was ihr jedoch Sorge bereitete, war etwas anderes: Zu oft hatten Männer geglaubt, sich alles erlauben zu dürfen – besonders bevor sie geheiratet hatte. Denn viele meinten, wenn eine Frau erst einmal als „verdorben“ galt, dann dürfe man sich ohnehin alles herausnehmen.

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