Dass Alina Bergmann „verdorben“ sei, wusste im Dorf angeblich jeder. Als sie in der neunten Klasse war, hatte ein durchreisender Fleischhändler sie in ein verlassenes Lagerhaus gelockt. Wochenlang wurde hinter vorgehaltener Hand darüber geredet – erst recht, nachdem derselbe Mann ihren Eltern einen fabrikneuen Wagen finanzierte und die Anzeige bei der Polizei plötzlich zurückgezogen wurde. Die Angelegenheit verlief im Sande. Ihr Vater fuhr stolz mit dem neuen Auto durch die Straßen, während ihre Mutter betreten schwieg, sobald jemand nach Alina fragte. Das Mädchen selbst hörte auf, den Unterricht zu besuchen. Später durfte sie die Abschlussprüfungen extern ablegen und erhielt ihr Zeugnis für die neunte Klasse.
Diesen Tag versuchte Alina aus ihrem Gedächtnis zu löschen. Geschehen war geschehen. Auch das, was danach kam. Ihr größter Wunsch war, das Elternhaus hinter sich zu lassen. Also heiratete sie früh – den Erstbesten, der um ihre Hand anhielt. Es war der Nachbar Ralf Heinemann, fünfzehn Jahre älter als sie und gerade erst aus dem Gefängnis entlassen. Furcht empfand sie nicht, Liebe allerdings ebenso wenig. Ralf war wortkarg, trank zu viel und sprach ständig davon, dass er einen Erben brauche. Noch vor Sonnenaufgang zog er mit der Angel los und kehrte mittags mit mageren Karauschen zurück. Alina wendete die in Mehl gewälzten Fische in heißem Öl, bis selbst die Gräten weich wurden und man die kleinen Exemplare im Ganzen essen konnte.
Dann geschah es: Ralf ertrank. Man fand ihn zwischen Schilf und Ufergras. Alina verspürte neben Trauer auch Erleichterung. Allein war das Leben überschaubarer. Das Haus gehörte nun ihr, ebenso die Entscheidungen. Doch gleich nebenan wohnten ihre Eltern – stets bereit, sich einzumischen. Ihr Vater machte ihr schließlich einen Vorschlag:
„Komm zurück zu uns. In dein Haus ziehen wir Niklas mit seiner Frau.“
Ihr Bruder hatte vor zwei Jahren geheiratet und seine Frau aus dem Nachbardorf mitgebracht. Die Geburt stand kurz bevor, und für alle war es selbstverständlich, dass Alina den jungen Leuten das Haus überlassen und ihre Pflicht erfüllen sollte.

