„…soll auch ordentlich essen. Greif zu, sei nicht schüchtern – nimm dir ruhig etwas mit nach Hause.“
Clara Krüger jedoch dachte gar nicht daran, Essensreste einzupacken. Stattdessen verlagerte sie ihre gesamten Mahlzeiten ins Restaurant. Morgens, mittags und abends aß sie dort in Ruhe, kam satt und ausgeglichen heim. Für ihre Wohnung besorgte sie nur noch ein paar Becher Naturjoghurt, frisches Obst und hochwertigen Tee – Dinge, die ausschließlich für sie bestimmt waren.
Der Kühlschrank wurde zum sichtbaren Symbol der neuen Ordnung. Das oberste Fach gehörte Clara: griechischer Joghurt, ein Stück Käse, Avocados, ordentlich arrangiert. Die unteren Ablagen waren für Matthias Roth reserviert. Anfangs stapelten sich dort Tiefkühlpizza, billige Wurst und ein Laib Brot.
Matthias, der sich an hausgemachte Frikadellen und dampfenden Eintopf gewöhnt hatte, merkte bald, wie sehr ihm diese Zeiten fehlten. Seine Arbeit als Lagerarbeiter verlangte Kraft; mit ein paar belegten Broten allein ließ sich kein schwerer Schrank durch ein Treppenhaus wuchten.
„Clara, gibt es heute Abendessen?“, fragte er eines Abends und hob den Deckel eines leeren Topfes an.
„Ich habe bereits im Restaurant gegessen, Matthias. Wir führen doch getrennte Kassen. Jeder sorgt für sich selbst. Nudeln kochen kannst du dir ja.“
Während er lustlos trockene Pasta kaute, saß sie mit einer Gesichtsmaske im Wohnzimmer und vertiefte sich in ein Buch. Erst jetzt begriff sie, wie viel Zeit ihr plötzlich zur Verfügung stand. Kein stundenlanges Rühren am Herd, kein Schrubben fettiger Pfannenberge. Und das Geld, das früher im gemeinsamen Haushaltsloch verschwand, blieb nun auf ihrem Konto. Sie erfüllte sich endlich den Wunsch nach neuen Winterstiefeln, von denen sie zwei Jahre lang geträumt hatte, und gönnte sich regelmäßige Massagen.
Nach vierzehn Tagen fand Matthias eine andere Lösung: Er fuhr abends zu seiner Mutter.
Renate Vogel war anfangs begeistert. Ihr Sohn bei ihr am Tisch! Karin Seidel kommentierte hämisch: „Siehst du, am Ende kommt er doch zu Mama zurück. Diese flatterhafte Person zu Hause kann ihn ja nicht einmal ordentlich versorgen.“
Doch die Genugtuung währte nicht lange.
Matthias brachte einen gesunden, ja geradezu unersättlichen Appetit mit. Nach einer Schicht verschlang er mühelos einen halben Topf Suppe, verlangte Nachschlag vom Hauptgericht und leerte die Keksdose zum Tee.
„Mama, sind noch Frikadellen da?“, fragte er und wischte mit einem Stück Brot den letzten Rest Soße vom Teller.
Renate presste die Lippen zusammen. Ihre Rente war zwar solide, doch sie hatte eigene Ausgaben, und täglich einen erwachsenen Mann durchzufüttern, stand nicht auf ihrem Plan. Fleisch, Butter, Gemüse – alles verschwand in rasantem Tempo in den Tiefen von Matthias’ Magen.
Ende Februar war ihre Geduld erschöpft. Als Karin sie eines Nachmittags besuchte, fand sie ihre Schwester erhitzt und gereizt am Herd.
„Renate, warum siehst du so fertig aus?“
„Dieser Matthias!“, fauchte sie und ließ den Kochlöffel klappernd auf die Arbeitsplatte fallen. „Ich koche für mehrere Tage vor, und er leert mir an einem Abend alles! Für meine Medikamente bleibt kaum noch etwas übrig – das Geld wandert direkt in seinen Bauch.“
„Dann soll er dir eben etwas dazugeben“, stichelte Karin.
„Von meinem eigenen Sohn Geld verlangen? Das fühlt sich falsch an… Schuld ist doch diese Clara! Sie lässt ihn absichtlich hungern, nur um mich zu treffen!“
Die Auseinandersetzung spitzte sich am ersten Sonntag im März zu.
Clara war allein zu Hause, genoss die Stille und sortierte ihren Kleiderschrank. Da klingelte es. Ohne eine Einladung abzuwarten, trat Renate Vogel in schmutzigen Stiefeln ein und marschierte schnurstracks in die Küche.
„Was bildest du dir eigentlich ein?“, begann sie ohne Gruß. „Willst du meinen Sohn aushungern? Bald zieht er ganz zu mir, weil hier nichts Essbares zu finden ist!“
Clara nahm sich ein Glas, füllte es ruhig mit Wasser und drehte sich gelassen zu ihrer Schwiegermutter um.
