Der Duft von Mandarinen und frischen Tannenzweigen wollte in jenem Jahr keine festliche Stimmung aufkommen lassen. Der 31. Dezember in der Wohnung von Clara Krüger und Matthias Roth stand unter Spannung – wie eine überdehnte Saite, die jeden Moment reißen konnte. Schon am Morgen waren Renate Vogel und ihre Schwester Karin Seidel erschienen und hatten kaum die Schwelle überschritten, da begannen sie Anweisungen zu verteilen, als gehörte ihnen die Wohnung.
Am festlich gedeckten Tisch saß Renate, die Serviette akkurat neben dem Teller, und strich mit selbstverständlicher Geste die Falten der Tischdecke glatt – ganz die Hausherrin, obwohl sie hier gar nicht lebte, sondern ihre eigene Wohnung hatte. Neben ihr hockte Karin, ihre jüngere Schwester, die mit bedeutungsvollem Nicken jedes Wort begleitete und mit dem Löffel klirrend gegen das Porzellan stieß. Eine stämmige Frau mit ständig missbilligendem Gesichtsausdruck und unruhig flackernden Augen. Sie kam zu Feiertagen angeblich aus Geselligkeit, in Wahrheit jedoch, um Renate mit „klugen“ Ratschlägen zu versorgen und sie darin zu bestärken, Druck auf das junge Paar auszuüben.
„Also gut, Kinder“, begann Renate schließlich und tupfte sich demonstrativ die Lippen ab, als besiegele sie ein Urteil. „Die Zeiten sind schwierig. Alles wird teurer, und meine Rente wächst nicht mit. Karin hat mir die Augen geöffnet. Ab Januar wirtschaftet jeder für sich.“
Clara erstarrte, die Schüssel mit dem Salat noch in den Händen.
„Wie meinst du das, Renate? Matthias und ich teilen doch die Miete, und die Einkäufe bezahle meistens ich…“

„Genau so ist es gemeint!“, fiel Karin ihr scharf ins Wort und spießte sich ungefragt ein Stück Braten auf. „Du verdienst im Restaurant doch ordentlich, Trinkgeld kommt sicher auch dazu. Und mein Neffe Matthias schuftet im Werk. Ihr seid jung, Renate nicht mehr. Es reicht, wenn sie euch unterstützt hat. Ab Januar trennt ihr die Kassen. Dein Geld bleibt deins, seins bleibt seins. Nebenkosten nach Verbrauch, und Lebensmittel kauft jeder selbst.“
Clara suchte den Blick ihres Mannes. Matthias, kräftig gebaut, Anfang dreißig, als Möbelpacker in einer Fabrik beschäftigt, starrte auf seinen Teller mit Sülze, als könne er darin verschwinden. Streit war ihm verhasst. Schweigen erschien ihm einfacher, als seiner Mutter zu widersprechen, die zwar nur zu Besuch war, sich aber aufführte, als dürfe sie über ihr Leben bestimmen.
„Matthias?“, fragte Clara leise. „Bist du wirklich einverstanden? Wir sind doch eine Familie. Bisher war alles gemeinsam.“
Er hob den Kopf, in seinen Augen lag ein schuldbewusstes Flackern. „Mama meint, so ist es gerechter. Wir sparen damit vielleicht, Clara. Lass es uns versuchen.“
In Clara riss etwas ab. Mit einem dumpfen Schlag stellte sie die Schüssel auf den Tisch, sodass Karin zusammenzuckte.
„Gut“, sagte sie kühl, ihre Stimme hart wie Winterluft. „Jeder für sich. Merkt euch dieses Datum.“
Der Januar kam mit dichtem Schnee und beißender Kälte – und mit ihm die neue Ordnung, ohne Schonfrist.
Clara arbeitete als Souschefin im Restaurant „Gemütlichkeit“. Zwölf Stunden stand sie täglich am Herd, zwischen Hitze, Dampf und klirrendem Geschirr. Es war anstrengend, doch das Team hielt zusammen. Früher hatte sie nach Feierabend schwere Einkaufstaschen nach Hause getragen, mehrgängige Abendessen gekocht, um Matthias eine Freude zu machen, gewaschen und geputzt. Nun stellte sie ihr Leben um.
Im Restaurant standen den Angestellten zwei Mahlzeiten pro Schicht zu, und die Küche war ausgezeichnet: kräftige Suppen, herzhafte Fleischgerichte, knackige Salate. Der Küchenchef, Tobias Albrecht, ein groß gewachsener Mann mit warmem Blick, begann bei solchen Gelegenheiten stets mit seinem altbekannten Spruch, den alle kannten und der jedes Mal ein Schmunzeln hervorrief.
