…vom Finger und legte ihn ohne einen weiteren Blick auf die Kommode. Dort sollte er bleiben. Dieses glänzende Symbol hatte für sie jeden Wert verloren – ein leeres Versprechen aus Metall.
Mit entschlossener Bewegung zog Helena Bergmann den Koffer in den Flur, streifte ihre Jacke über und griff nach dem Griff. In diesem Moment erschien Irmgard Falkenberg aus der Küche, ein Tablett mit Tassen in den Händen. Als sie Helena mit dem Gepäck sah, blieb sie abrupt stehen.
„Und wohin soll es jetzt gehen?“, fragte sie. In ihrem Ton lag kein Erstaunen, sondern eine kaum verhohlene Genugtuung.
Helena begegnete ihr mit einem ausdruckslosen Blick.
„Nach Hause“, erwiderte sie knapp.
Langsam stellte Irmgard das Tablett auf der Konsole ab. „Aber ihr seid doch gerade erst angekommen!“
„Tobias Hartwig wird schon zurechtkommen. Sagen Sie ihm einfach, dass ich gegangen bin.“
Mehr hatte sie nicht hinzuzufügen. Sie öffnete die Tür, trat hinaus und zog sie hinter sich zu. Die kühle Morgenluft schlug ihr entgegen und ließ sie frösteln, doch zugleich fühlte sie sich zum ersten Mal seit Stunden klar im Kopf. Sie atmete tief ein, als wollte sie all den abgestandenen Geruch der letzten Tage aus ihren Lungen vertreiben, und bestellte ein Taxi.
Kaum saß sie auf der Rückbank, brach die mühsam gehaltene Fassung in sich zusammen. Die Tränen liefen lautlos über ihre Wangen. Der Fahrer warf ihr im Rückspiegel einen prüfenden Blick zu, schwieg jedoch taktvoll.
Als der Wagen vor ihrem Wohnhaus hielt, fühlte Helena sich seltsam leer, beinahe ausgebrannt. Sie bezahlte, stieg aus und schleppte sich mit dem Koffer zum Eingang, als hätte sie eine unsichtbare Last zu tragen.
Schon am nächsten Morgen reichte sie die Scheidung ein.
Tat es weh? Natürlich. War sie verletzt? Mehr als sie zugeben wollte. Doch sie hatte ihren Stolz – sie war kein Mensch, den man beliebig behandeln und dann wieder zurückpfeifen konnte.
Tobias meldete sich noch wochenlang. Anrufe, Nachrichten, halbherzige Erklärungen. Mal bat er um Verzeihung, mal suchte er nach Ausreden. Vielleicht hätte sie sich erweichen lassen, wenn sie nicht alles mit eigenen Ohren gehört hätte. Aber die Erinnerung war zu deutlich, zu schmerzhaft.
Nein. Es gab genügend andere Männer auf dieser Welt. Irgendwann würde sie jemanden finden, mit dem sich tatsächlich eine verlässliche, ehrliche Familie aufbauen ließ. Doch eines stand fest: Für jemanden zu sorgen, der ihre Gefühle mit Füßen trat, würde sie nie wieder.
