„…soll sie doch dorthin zurückgehen, wo sie hergekommen ist.“ — deklariert Irmgard Falkenberg eiskalt und drängt Tobias, Helena loszuwerden

Diese kaltherzige Heuchelei macht mich sprachlos.
Geschichten

Helena stand daneben, äußerlich reglos, doch in ihr staute sich die Wut wie in einem überhitzten Kessel. Immer wieder dasselbe Schauspiel. Und sie? Sollte sie am Rand sitzen, lächeln und so tun, als beträfe sie das alles nicht? Offenbar erwartete man genau das von ihr.

„Lasst uns doch bitte nicht schon wieder damit anfangen“, sagte sie bemüht ruhig. „Es wird sich alles fügen.“

Irmgard Falkenberg verzog keine Miene. „Die Jahre bleiben aber nicht stehen“, entgegnete sie trocken.

„Jetzt reicht’s, Mama!“, fuhr Tobias dazwischen. „Wir sind hier, um ein paar entspannte Tage zu verbringen, nicht um uns Vorträge anzuhören.“

Mit einer demonstrativen Bewegung griff er zur Fernbedienung und drehte den Ton des Fernsehers so laut, dass jedes weitere Wort unterging. Helena spürte, wie ihr die Schultern schwer wurden. Der Abend war gelaufen. Wortlos begann sie, Teller und Gläser zusammenzutragen.

„Kannst du nicht wenigstens mit anpacken?“, tadelte Irmgard ihren Sohn. „Sie macht hier alles allein.“

Tobias stieß ein missmutiges Geräusch aus, erhob sich widerwillig und half halbherzig beim Abräumen. Danach herrschte bedrückende Stille. Niemand suchte mehr das Gespräch. Erst weit nach Mitternacht gingen sie schlafen.

Doch Schlaf fand Helena kaum. Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere, während Gedanken wie lästige Fliegen um ihren Kopf schwirrten. Eine dumpfe Traurigkeit legte sich über sie. Neben ihr lag Tobias quer über der Matratze ausgestreckt, tief atmend, als gäbe es keinerlei Probleme auf der Welt. Helena seufzte leise und schloss irgendwann die Augen.

Ein Frösteln weckte sie. Durch den Spalt im gekippten Fenster zog kalte Morgenluft ins Zimmer. Sie stand auf, schloss es und bemerkte erst dann, dass Tobias nicht mehr im Bett lag. Ein Blick auf die Uhr: halb sieben. So früh war er sonst nie wach. Verwundert schlüpfte sie in ihren Morgenmantel und ging Richtung Küche.

Noch bevor sie den Raum betrat, hörte sie Stimmen. Der Tonfall ließ sie innehalten. Unwillkürlich blieb sie im Flur stehen.

Tobias saß am Tisch, lässig zurückgelehnt, eine Tasse mit halb ausgetrunkenem Tee in der Hand. Mit der freien Hand rieb er sich den Nacken. Ihm gegenüber stand Irmgard, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Wie lange willst du das noch mitmachen, Tobias?“, fragte sie scharf. „Willst du dein ganzes Leben so verbringen? Schau sie dir doch an. Immer diese düstere Miene, ständig unzufrieden. Das hält doch kein Mensch aus. Und du ziehst das einfach weiter durch? Du bist der Mann, also triff eine Entscheidung.“

Tobias zuckte mit den Schultern. „Ich hab dir doch gesagt, es dauert nicht mehr lange. Sie soll erst noch den Autokredit aufnehmen, dann sehen wir weiter. Am besten wäre es, wenn sie von selbst geht. Auf Theater habe ich keine Lust.“

Helena spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror. Sie krallte sich am Türrahmen fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. War das wirklich ihr Mann, der da sprach? So nüchtern, so beiläufig, als ginge es um das Wetter.

„Genau das meine ich“, setzte Irmgard nach. „Ich habe von Anfang an gesagt, sie passt nicht zu dir. Keine richtige Hausfrau, keine Perspektive für eine Familie. Und du hängst auch noch finanziell an ihr. Sie bildet sich ein, das hier sei Liebe. Lächerlich. Mit so jemandem unter einem Dach zu leben, das ist doch eine Zumutung.“

„Ach, Mama“, murmelte Tobias gedehnt. „Ich kriege das schon geregelt. Ein, zwei Monate noch. Man muss nur den richtigen Moment abpassen. Ich will keinen großen Streit.“

Irmgard beugte sich ein Stück vor, ihre Stimme wurde eindringlicher. „Du…“

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