„So, genug geredet. Pack deine Sachen, wir fahren zu meiner Mutter.“
Tobias Hartwig zog bereits den Rollkoffer über den Flur. Helena Bergmann konnte nicht behaupten, dass sie sich auf diese Besuche freute. Kaum kamen sie dort an, lief alles nach dem immergleichen Muster ab. Seit sieben Jahren waren sie nun verheiratet – und noch immer ohne Kind. Als läge die Verantwortung allein bei ihr. Dabei wünschte sie sich längst eines. Doch Tobias vertröstete sie ständig: erst müsse die Karriere vorangebracht werden, dann die Renovierung, danach ein neues Auto. Und nun war plötzlich das Wochenendhaus wichtiger als alles andere. Als ob ein Kind und ein Garten sich gegenseitig ausschlössen – im Gegenteil.
Mit einem leisen Seufzer begann Helena widerwillig, ihre Kleidung in die Reisetasche zu legen. Sie kannte den Ablauf des Abends genau: langes Sitzen am Esstisch, höfliche Fragen nach der Arbeit, nach Urlaubsplänen – und dann, ganz beiläufig, die unvermeidlichen Anspielungen. Sie konnte sie beinahe wörtlich mitsprechen.
„Katharina Blum hat schon zwei“, würde es heißen. „Und Nadine Rausch erwartet bald einen Jungen.“
Dazu dieser bedeutungsschwere Seufzer.

Und sie? Was sollte sie darauf antworten? Natürlich war sie in den Augen von Irmgard Falkenberg die Schuldige – niemals der geliebte Sohn.
Während der Fahrt stellte Tobias das Radio an. Helena wandte den Blick zum Fenster und verfolgte schweigend die vorbeiziehenden Felder. Heute, nahm sie sich vor, würde sie mit ihm Klartext reden. Keine Ausreden mehr. Sie war dreißig – kein naives Mädchen, das ewig warten konnte.
Irmgard Falkenberg empfing sie wie gewohnt überschwänglich. Im Flur stand allerdings eine Neuerung: ein stattlicher, rot getigerter Kater mit buschigem Schwanz strich um ihre Beine. Helena musste schlucken. Nicht einmal ein Hamster lebte in ihrer Wohnung.
„Helena, mein Schatz, komm doch rein!“, rief Irmgard mit ausgebreiteten Armen.
Helena setzte ein bemühtes Lächeln auf.
„Mama, wo ist Papa?“, fragte Tobias bereits vom Wohnzimmer aus, wo er sich auf das Sofa fallen ließ und den Fernseher einschaltete.
„Im Garten. Er häufelt die Kartoffeln an. Morgen kommt er zurück. Und du? Kaum da, liegst du schon herum? Du könntest Helena wenigstens beim Auspacken helfen!“
„Ach, Mama, ich bin müde“, brummte er. „Ich bin die ganze Strecke gefahren.“
Irmgard schüttelte missbilligend den Kopf und ging in die Küche. Helena folgte ihr.
„Was für ein wunderschöner Kater“, sagte sie, um die angespannte Stimmung etwas aufzulockern.
„Er ist uns zugelaufen. Wir nennen ihn Rudi. Ein ausgezeichneter Mäusefänger“, erklärte Irmgard mit hörbarem Stolz.
Beim Tee begann das übliche Verhör: Arbeit, Zukunftspläne, finanzielle Sicherheit. Helena antwortete knapp und nippte an ihrer Tasse. Aus dem Wohnzimmer drangen das laute Kommentatorengebrüll und Tobias’ Kauen. Sie fragte sich ernsthaft, warum sie überhaupt hergekommen waren – Fußball hätte er genauso gut daheim schauen können.
„Und bei euch tut sich weiterhin nichts“, setzte Irmgard schließlich an. „Es wäre langsam Zeit. Ich wünsche mir Enkel.“
Helena presste die Lippen zusammen. Da war es.
„Mama“, rief Tobias, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen, „wir haben das doch schon hundertmal besprochen. Alles zu seiner Zeit.“
„Welche Zeit denn, Tobias?“, entgegnete Irmgard schärfer. „Ihr seid beide dreißig!“
„Mama!“ Tobias sprang auf und schaltete den Fernseher aus. „Wir regeln das selbst. Wir sind keine Kinder mehr.“
Helena beobachtete die beiden, und in ihr begann es gefährlich zu brodeln.
