Er ließ sich auf den Küchenstuhl sinken und starrte reglos auf die Wand. Zum ersten Mal seit unzähligen Jahren herrschte in der Wohnung eine ungewohnte Stille. Keine Vorwürfe mehr, keine Bitten, kein krampfhaftes Bemühen, irgendwem zu gefallen. Nur nackte Realität, die sich nicht mehr wegschieben ließ.
Am folgenden Tag fuhr er zu Valentina Bergmann. Sie öffnete in einem ausgewaschenen Morgenmantel, die Miene gereizt, als hätte man sie im falschen Moment gestört.
„Was ist los mit dir?“, fragte sie knapp und trat zur Seite.
„Wegen des Kindes …“, begann er, brach ab und sah sie prüfend an. „Bist du dir sicher, dass es von mir ist?“
Valentina lief rot an. „Wie kommst du auf so etwas? Spinnst du jetzt völlig?“
Schweigend reichte er ihr eine Kopie des Gutachtens. Sie las es Wort für Wort, quälend langsam. Dann ließ sie sich auf das Sofa fallen.
„Also wusstest du Bescheid?“, hauchte sie.
„Seit gestern“, antwortete er tonlos.
Die Stille zwischen ihnen wurde schwer, beinahe klebrig. Schließlich zog sie scharf die Luft ein. „Dann solltest du auch das wissen … Ich habe schon lange noch jemanden. Ich wollte es nie sagen.“
Diese Beichte traf ihn härter als jede Ohrfeige. In einem Augenblick zerbröselte alles, worauf er seine Selbstgewissheit gebaut hatte. Ihm wurde klar: Er hatte nicht gewonnen. Er hatte zerstört.
Draußen auf der Straße spürte er zum ersten Mal seit vielen Jahren Scham. Echte Scham, ohne Ausreden.
Währenddessen begann für Karoline Neumann ein anderer Abschnitt. Und sie war es, die innerlich bereits den letzten Schritt vorbereitete, der endgültig einen Schlussstrich ziehen würde.
Drei Monate vergingen. Für ihn verschwammen sie zu einem grauen Nebel, für Karoline fühlten sie sich an wie ein Atemzug nach langem Untertauchen. Sie mietete eine kleine Wohnung am Stadtrand, fand eine Stelle als Buchhalterin in einer privaten Klinik und wachte zum ersten Mal seit Ewigkeiten ohne Schuldgefühle auf. Ohne dieses nagende „Ich habe versagt“, „Ich habe nicht gereicht“.
Nun wusste sie: Nicht sie war das Problem. Und diese Erkenntnis veränderte alles.
An einem Morgen saß Karoline im Sprechzimmer einer Ärztin und wartete ruhig auf das Gespräch.
