Der schrille Ton der Klingel zerschnitt die morgendliche Stille wie ein Messer. Hartnäckig, aggressiv, als würde jemand ohne Pause mit Gewalt auf den Knopf hämmern. Ich vergrub das Gesicht tiefer ins Kissen und versuchte, das Geräusch zu ignorieren. Samstag, kurz nach acht. Zu dieser Zeit klingelt kein Mensch mit guten Manieren.
Doch das Läuten hörte nicht auf. In meinem Kopf zuckte ein beunruhigender Gedanke auf – meine Mutter? Neben mir drehte sich Christian Engel unruhig von einer Seite auf die andere, murmelte etwas Unverständliches im Halbschlaf.
„Mach das aus“, krächzte er schließlich.
Mit einem Seufzen schälte ich mich aus dem Bett, zog mir hastig den alten, ausgewaschenen blauen Morgenmantel über und schleppte mich in den Flur. Die Haare standen wirr ab, die Augenlider waren schwer, und im Mund lag dieser bittere Geschmack einer zu kurzen Nacht. Das Lämpchen der Gegensprechanlage blinkte aufdringlich. Ich drückte die Taste.
„Ja?“ Meine Stimme klang rau und fremd.

Keine Begrüßung, kein Name. Nur ein bekanntes, schneidend scharfes Kommando, das durch das Rauschen des Lautsprechers drang.
„Aufmachen!“
Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Beatrice Winter. Meine Schwiegermutter. Das Herz rutschte mir in die Knie. Keine Ankündigung, kein Anruf, keine Nachricht. Sie stand einfach da, früh am Morgen – und ihr Tonfall verhieß nichts Gutes.
Wie automatisch entriegelte ich die Haustür und blieb reglos stehen, während ich hörte, wie der Aufzug anhielt und jemand mit dem Schlüssel klimperte, um die Etage zu wählen. Unwillkürlich wollte ich mir durch die Haare fahren, ließ es dann aber. Wozu? Um ihr zu gefallen? Heute war das vollkommen sinnlos.
Die Aufzugstür öffnete sich mit einem metallischen Quietschen, dann hallten Schritte durch den Flur. Schnelle, harte Absätze, voller Entschlossenheit und Ärger. Ich atmete tief ein und öffnete die Wohnungstür einen Spalt.
Im kalten Licht des Treppenhausfensters stand Beatrice Winter. Makellos wie immer. Die kurze Frisur perfekt gelegt, das Gesicht sorgfältig geschminkt, ein leichter Kaschmirmantel in Khaki über die Schultern geworfen. Ein schwerer, teurer Duft lag um sie herum, viel zu intensiv nach der stickigen Schlafzimmerluft.
Ihr Blick glitt prüfend über mich hinweg – über den abgetragenen Morgenmantel, das ungewaschene Haar – und in ihren Augen flackerte etwas auf, das verdächtig nach triumphierender Abscheu aussah.
„Bist du eigentlich noch ganz bei Trost?“ Das waren ihre ersten Worte. Sie trat nicht ein, sie drängte sich regelrecht an mir vorbei. „Ich habe dich dreimal angerufen! Warum gehst du nicht ran?“
„Ich habe geschlafen“, antwortete ich leise. Hitze stieg mir ins Gesicht, eine Mischung aus Scham und Wut. Warum rechtfertigte ich mich überhaupt?
„Geschlafen?“ Sie schnaubte verächtlich, hängte ihren Mantel ohne zu fragen an die Garderobe. „Um diese Uhrzeit sind anständige Leute längst wach. Wo ist das Geld?“
Ich starrte sie an, unfähig, sofort zu reagieren.
„Welches Geld?“, brachte ich schließlich hervor.
„Stell dich nicht dumm, Helena Bergmann!“, fauchte sie. „Ich habe eine SMS von der Bank bekommen. Die Überweisung wurde abgelehnt. Erklär mir das sofort!“
Sie marschierte ins Wohnzimmer, ihr Blick suchte förmlich nach Unordnung – und fand sie auch. Die Teetasse von gestern Abend, die Fernbedienungen auf dem Tisch.
„Guten Morgen übrigens, Beatrice Winter“, sagte ich bemüht ruhig und folgte ihr. „Vielleicht setzen wir uns erst einmal. Was ist denn passiert?“
„Was passiert ist?“ Sie wirbelte herum, echte, nackte Wut stand ihr ins Gesicht geschrieben. Nein, es war mehr als Wut. Es war Panik. Die Angst eines Menschen, dem man etwas Selbstverständliches entzogen hatte. „Der automatische Dauerauftrag ist geplatzt! Und Christian hat gestern nebenbei erwähnt, dass du auch noch gekündigt hast! Was soll das? Und wo ist er überhaupt? Schläft er, während du hier unsere ganze Familie in Schwierigkeiten bringst?“
Das Wort „unsere Familie“ sprach sie mit pathetischem Nachdruck aus, als ginge es um ein Erbstück – nicht um eine monatliche Zahlung, die sie längst als ihr gutes Recht betrachtete.
Ich stand mitten in meinem eigenen Wohnzimmer und fühlte mich wie eine Eindringling, wie jemand, der auf frischer Tat ertappt worden war. Alles nur, weil ich aufgehört hatte, Geld zu überweisen. Mein Geld.
Ohne auf eine Einladung zu warten, setzte sich Beatrice Winter auf das Sofa – genau in die Mitte, aufrecht, beherrscht, als säße sie auf einem Thron. Ihre Haltung ließ keinen Zweifel: Das hier war ein Tribunal, und ich war die Angeklagte.
Ich blieb stehen, spürte ihren prüfenden Blick auf mir. Langsam ließ sie die Augen durch den Raum wandern, und ich folgte diesem Blick widerwillig: Staub auf dem Fernseher, mein alter Morgenmantel, das zerknitterte Kissen im Sessel. Jede Kleinigkeit schien ihre Überlegenheit zu bestätigen.
„Also, Helena“, begann sie kühl. „Keine Spielchen. Erklär mir dein Verhalten. Hast du den Verstand verloren? Kündigst einen sicheren Job und stoppst die Überweisungen. Wovon wollt ihr leben? Oder hast du beschlossen, meine Familie zu ruinieren?“
Mir schnürte es die Kehle zu. „Meine Familie.“ Es klang wie ein Urteil. Ich war hier nie wirklich dazugehört, immer nur geduldet.
„Wir ruinieren niemanden“, sagte ich leise, aber bestimmt, die Hände fest im Stoff meines Mantels verkrallt. „Ich kann nur nicht mehr jeden Monat Geld schicken. Wir haben selbst Verpflichtungen.“
„Welche denn?“ Sie verzog das Gesicht. „Die Wohnung ist fast abbezahlt. Das Auto ist gut. Oder reicht es dir nicht mehr für deine kleinen weiblichen Spielereien? Kosmetik, Tücher, so etwas?“
Es fühlte sich an, als hätte man mir kochendes Wasser ins Gesicht geschüttet. Fünf Jahre Demütigungen schossen mir durch den Kopf.
„Für eure Nebenkosten“, begann ich, und meine Stimme zitterte. „Obwohl ihr eine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung habt und eine ordentliche Rente. Für die angebliche Behandlung von Sebastian Römer, als er sich ‚den Rücken verrissen‘ hatte – und dann Bilder vom Angeln gepostet hat. Für den Englischkurs eurer Nichte Clara Neumann, den sie nach einem Monat abgebrochen hat. Allein im letzten Jahr.“
Mit jeder Aufzählung erstarrte ihr Gesicht mehr zu einer Maske aus kaltem Zorn.
„Ich habe nie zusammengerechnet“, fuhr ich fort. „Aber es sind hohe Beträge. Und ein einziges Dankeschön habe ich nie gehört. Nur neue Forderungen.“
„Das nennt man familiäre Unterstützung!“, explodierte sie. „Wir sind doch keine Fremden! Du solltest froh sein, helfen zu dürfen. Christian versteht das. Aber du … du willst dich nie wirklich einfügen. Du warst immer nur für dich.“
Diese Worte trafen mich schmerzhaft, weil sie einen wahren Kern hatten. Ich war allein gewesen – von Anfang an. Für sie war ich keine Familie, sondern eine bequeme Geldquelle. Meine Erfolge zählten nur in Euro, meine Probleme galten als störend.
Ein Frösteln lief mir über den Rücken, nicht vor Kälte, sondern vor Erkenntnis. Je mehr ich gegeben hatte, desto mehr hatten sie verlangt. Jetzt, da ich stoppte, war ich zur Feindin geworden.
Im Türrahmen des Schlafzimmers bewegte sich etwas. Christian Engel stand dort, blass, zerzaust, nur in Jogginghose. Sein Blick sprang zwischen mir und seiner Mutter hin und her, pure Verunsicherung in seinen Augen. Seine Anwesenheit brachte keine Erleichterung, sondern verstärkte mein Gefühl von Verlassenheit.
Er blieb im Türrahmen stehen, rieb sich schläfrig übers Gesicht, und sein Anblick – die zerknitterte Kleidung, die ungekämmten Haare, dieser hilflose Ausdruck – machte mir schmerzlich klar, dass der Mann, der eigentlich an meiner Seite stehen sollte, nicht wusste, auf wessen Seite er gehörte.
