Im Juni kam sie zur Welt, in einer Zeit, in der die Bienenstöcke unablässig summten, die Waben überquollen und der Honig in warmen, bernsteinfarbenen Fäden floss. Jonas hatte inzwischen gelernt, die Rahmen aus den Kästen zu heben, ohne zusammenzuzucken. Die Angst saß noch irgendwo tief in ihm, aber sie bestimmte ihn nicht mehr. Jonathan Winter hielt das Neugeborene im Arm, so vorsichtig, als bestünde es aus Glas. Katharina bemerkte, wie seine Hände leicht bebten.
— Sie sieht dir ähnlich, flüsterte er.
— Uns beiden, korrigierte Katharina ruhig.
Einmal kam noch Post von Markus Lehmann. Ein Brief aus der Haft, eine knappe Bitte um Geld für ein Paket. Katharina las die Zeilen, löschte die Nachricht und ließ sie mit einem Klick verschwinden. Danach dachte sie nicht mehr daran.
An einem warmen Abend, als Jonas bereits schlief und Josefine leise in ihrer Wiege atmete, saßen Katharina und Jonathan auf der Veranda. Das Summen der Bienen lag gleichmäßig in der Luft, beruhigend wie ein stetiger Atemzug.
— Hast du es je bereut? fragte Jonathan nach einer Weile. — Damals nicht verkauft zu haben?
Katharina sah ihn an, dann das Haus, die Reihen der Stöcke, das Feld, das im Zwielicht dunkler wurde.
— Kein einziges Mal, antwortete sie. — Und du? Dass du geblieben bist?
Er nahm ihre Hand, schloss die Finger darum.
— Nicht eine Sekunde.
Das Summen hielt an, und darin lag etwas Stimmiges, etwas Eigenes, als hätte alles genau so sein sollen.
Ein Jahr später tauchte Laura Schubert auf. Sie stieg aus einem fremden Wagen, wirkte älter, eingefallen, in einer billigen Jacke, ohne den früheren Hochmut. Katharina stand gerade am Tisch und sortierte Honigwaben, während Jonas leere Kisten heranschleppte.
— Katharina, sagte Laura leise.
Katharina drehte sich um. Sie war nicht überrascht. Sie sah einfach hin.
— Ich muss mit dir reden, begann Laura und trat näher. — Ich bin erst vor Kurzem rausgekommen. Auf Bewährung. Ich habe… keinen Ort mehr. Ich dachte, vielleicht du…
Der Satz blieb unvollendet. Katharina legte die Wabe ab, wischte sich die Hände an der Schürze trocken.
— Soll ich dir Geld geben? fragte sie sachlich. — Arbeit? Oder ein freies Zimmer?
Laura nickte hastig, Hoffnung flackerte in ihrem Blick.
— Nein, sagte Katharina. — Nichts davon.
— Aber ich…
— Du wolltest mir alles nehmen. Das Haus. Das Land. Das Letzte, was ich hatte. Und jetzt stehst du hier und bittest?
Laura schwieg, senkte den Kopf.
— Ich habe wirklich keinen Platz, wohin ich gehen kann.
— Weißt du, Katharina trat einen Schritt näher, ihre Stimme wurde leiser und härter zugleich, — als du mein Leben zerlegt hast, hast du nicht darüber nachgedacht. Nicht, als du mit gefälschten Papieren hier aufgetaucht bist. Nicht, als deine Leute nachts die Tür einschlugen und auf den Mann schossen, der mich schützen wollte. Also ist es jetzt nicht meine Aufgabe, dir einen Weg zu zeigen.
Laura blieb stehen, den Blick auf den Boden gerichtet.
— Geh, sagte Katharina. — Und komm nicht wieder.
Laura wandte sich ab und ging zur Straße zurück. Langsam, mit hängenden Schultern. Katharina sah ihr nach und spürte weder Mitleid noch Zorn. Nur Erleichterung.
Jonas trat neben sie und griff nach ihrer Hand.
— Wer war das? fragte er.
— Niemand, antwortete Katharina. — Wirklich niemand.
Am Abend, als Jonathan von der Wiese zurückkam, erzählte sie ihm von Laura. Er hörte zu, sagte nichts, nickte schließlich.
— Du hast richtig gehandelt.
— Meinst du?
— Ich weiß es, sagte er und zog sie an sich. — Manche Menschen verdienen eine zweite Chance. Und manchen muss man nur zeigen, wo die Tür ist.
Katharina lehnte sich an ihn. Irgendwo im Haus weinte Josefine, Jonas las laut aus einem Buch vor, und draußen summten die Bienen.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren dachte Katharina, dass Leben nicht das ist, was man bekommt. Sondern das, was man behält. Und wofür man sich entscheidet zu kämpfen.
Sie sah Jonathan an.
— Danke, sagte sie. — Dass du geblieben bist.
— Danke, erwiderte er. — Dass du nicht verkauft hast.
Sie standen so beieinander, bis es draußen ganz dunkel wurde. Und das Summen der Bienen hörte nicht auf. In ihm war alles enthalten, was sie brauchten: Haus, Familie, Land. Und das Recht, all das ihr Eigen zu nennen.
