«Verkauf es» — wiederholte Markus Lehmann kalt und ließ sich zurück auf das Sofa fallen

Diese Entscheidung war mutig, notwendig und erlösend.
Geschichten

Auf dem Display folgte die Fortsetzung. Unscharfe Bilder, hastig gefilmt. Markus Lehmann, gefesselt, offenbar in einem kahlen Raum ohne Fenster. Neben ihm ein Mann mit verdecktem Gesicht, dessen Stimme kalt und gleichgültig klang.

„Dein Mann hat Schulden. Verkauf die Imkerei. Andernfalls wird es unangenehm.“

Katharina Simon starrte auf das Handy, als hätte es plötzlich Gewicht bekommen. Ihr Puls hämmerte so laut, dass es ihr die Kehle zuschnürte. Sie versuchte, Markus zurückzurufen. Kein Signal. Eine Nachricht tippte sie ebenfalls – ungelesen, unbeantwortet. Die Stille danach war schlimmer als jede Drohung.

Zwei Tage vergingen in einem Nebel aus Angst und Schlaflosigkeit. Am dritten Vormittag rollte ein dunkler Wagen vor das Tor. Die Besucherin stellte sich als Laura Schubert vor. Eine hochgewachsene Frau mit sicherem Auftreten, elegant gekleidet, der weiße Mantel blieb kurz am rostigen Gartentor hängen und trug sofort einen grauen Streifen davon.

„Sie sind Katharina Simon? Man sagte mir, Sie seien verkaufsbereit.“

Katharina zögerte. „Ich… ich weiß es noch nicht.“

Laura verlor keine Zeit. Sie öffnete eine Mappe, breitete Papiere auf dem Küchentisch aus, als gehöre ihr der Raum bereits. „Überlegen kostet nur Nerven. Sie brauchen Geld. Hier ist der Vertrag. Unterschrift an diesen Stellen.“

Der Kugelschreiber lag schwer in Katharinas Hand. Ihre Finger bebten. Vor ihrem inneren Auge tauchten immer wieder dieselben Bilder auf: Markus, gefesselt. Die Maske. Die Worte.

Laura zog ihr Handy hervor, offenbar um auf die Uhr zu schauen. Der Bildschirm leuchtete auf – und für den Bruchteil einer Sekunde sah Katharina mehr, als sie je hätte sehen wollen. Das Hintergrundbild zeigte Markus Lehmann, entspannt, im Schlafanzug. Seine Arme lagen vertraut um Lauras Taille, seine Lippen an ihrem Hals.

„Das ist…“ Katharina brachte den Satz nicht zu Ende.

Zu spät riss Laura das Telefon weg.

„Sie sind also ein Paar“, stellte Katharina fest. Kein Zweifel, kein Zittern. Ein Urteil.

Laura verzog den Mund. „Und? Was spielt das für eine Rolle? Unterschreiben Sie endlich.“ Ihre Hand knallte auf den Tisch.

„Er ist nicht gefangen. Es gibt keinen Keller. Keine Gangster.“

Laura richtete sich auf, ein dünnes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. „Und selbst wenn? Glauben Sie, Sie könnten etwas ändern? Er will Geld. Ich will dieses Grundstück. Und Sie stehen nur im Weg.“

Katharina stand auf. Sie nahm die Papiere, riss sie mit einem einzigen Ruck entzwei.

„Verschwinden Sie.“

Lauras Augen verengten sich. Sie griff nach ihrer Tasche. „Das werden Sie bereuen. Mehr, als Sie sich vorstellen können.“

Die Tür fiel hinter ihr zu, dass die Fensterscheiben klirrten.

In derselben Nacht kamen sie.

Katharina schreckte aus dem Schlaf, als dumpfes Hämmern durch das Haus ging. Kein Klingeln, kein Zögern – nur fordernde Schläge.

„Aufmachen! Die Unterlagen her!“

Sie spähte durch den Vorhang. Vier Männer standen draußen. Breit gebaut, dunkle Kleidung. Einer hielt eine Eisenstange.

Langsam wich sie von der Tür zurück. Ihr Herz raste. Sie griff nach dem Handy – kein Netz.

„Wir treten die Tür ein. Mach’s einfacher und öffne selbst“, sagte eine ruhige Stimme, fast beiläufig.

Sie hörte Schritte ums Haus. Jemand rüttelte an den Fensterläden.

„Spiel hier nicht die Mutige. Dein Mann schuldet uns was. Willst du, dass es für ihn schlimmer wird?“

Katharina lehnte sich mit dem Rücken an den Ofen. In ihrer Tasche lagen die Dokumente – alles, was sie wollten. Besitznachweise, Verträge, Stempel.

Ein Krachen. Das Holz splitterte. Ein weiterer Schlag.

Katharina schrie.

Aus der Dunkelheit, vom Schuppen her, tauchte Jonathan Winter auf. In der Hand hielt er einen dicken Stock. Sein verletztes Bein schleifte leicht, doch er bewegte sich entschlossen auf die Männer zu.

„Weg vom Haus“, sagte er leise.

Sie drehten sich um. Einer lachte höhnisch. „Was willst du, Hinkender? Hau ab, solange du noch kannst.“

„Zum letzten Mal. Geht.“

„Träum weiter.“

Der Erste stürmte vor. Jonathan schlug zu – hart, gezielt, direkt in den Oberkörper. Der Mann krümmte sich keuchend. Der Nächste griff an, Fäuste erhoben. Jonathan wich aus, traf das Knie. Ein trockenes Knacken, ein Schrei.

Doch sie waren zu viert.

Einer packte Jonathan von hinten, riss ihm die Arme nach oben. Ein anderer holte mit der Eisenstange aus. Jonathan versuchte sich loszureißen, aber das kranke Bein gab nach, er sackte auf ein Knie.

Dann tat er etwas, womit niemand gerechnet hatte.

Mit aller Kraft stieß er sich ab, taumelte zu den Bienenstöcken und trat gegen den äußersten. Der Kasten schwankte, noch ein Tritt – dann kippte er um und zerbarst.

Ein dröhnendes Summen erfüllte die Nacht.

Ein schwarzer, rasender Schwarm schoss hervor. Die Bienen stürzten sich auf alles, was sich bewegte – auf die Männer, auf Jonathan selbst. Schreie, Flüche. Einer rannte zum Wagen und hielt sich das Gesicht. Ein anderer wälzte sich am Boden und brüllte vor Schmerz. Der dritte schrie panisch etwas über seine Augen, während das Brummen immer lauter wurde und die Situation endgültig außer Kontrolle geriet.

Fortsetzung des Artikels

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