„Verkauf es“, sagte Markus Lehmann, ohne auch nur den Blick von seinem Smartphone zu heben. „Was willst du dort überhaupt?“
Katharina Simon stand mitten im Wohnzimmer, die Unterlagen noch in den Händen. Der Notar war kaum fünf Minuten fort. Die Imkerei ihres Großvaters Heinrich Braun: zwanzig Bienenstöcke, ein kleines Haus mit Ofen, achthundert Quadratmeter Land direkt am Waldrand.
„Da sind die Bienen“, entgegnete sie leise. „Opa hat sein ganzes Leben mit ihnen verbracht.“

„Dein Großvater ist tot, falls dir das entgangen ist. Und du bist Bibliothekarin. Seit wann passt das zu Honig und Stichen?“
Endlich sah er sie an. Sein Blick hatte etwas Kaltes, Abschätzendes, so als würde man ein Möbelstück betrachten, das nicht mehr an den vorgesehenen Platz passt.
„Ich könnte es wenigstens versuchen“, hörte sie sich sagen, selbst überrascht von den eigenen Worten.
Markus verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
„Jetzt mal ehrlich? Du hältst dort keine Woche durch. Dir fällt vor Langeweile der Himmel auf den Kopf. Verkauf, solange ich dir noch einen Käufer besorgen kann.“
„Ich will nicht.“
Er erhob sich, trat ganz nah an sie heran. Katharina nahm seinen Duft wahr – teuer, scharf, vollkommen fremd.
„Hör mir genau zu“, sagte er leiser, doch seine Stimme wurde hart wie Glas. „Du wohnst in meiner Wohnung, fährst mein Auto und lebst von dem Geld, das ich verdiene. Und das Eine, was du mir hättest geben können, hast du mir nicht gegeben. Also mach wenigstens das hier richtig.“
Sie wusste, wovon er sprach. Vom Kind, das nie gekommen war. Von Arztbesuchen, Diagnosen und Sätzen, die sie im Schlaf aufsagen konnte.
Katharina schwieg.
„Verkauf es“, wiederholte er und ließ sich zurück auf das Sofa fallen.
Ihr Blick glitt zum Couchtisch. Dort stand die Porzellantasse – das letzte Andenken an ihre Mutter. Weiß, mit zarten blauen Kornblumen.
Markus streckte die Hand aus und wischte sie beiläufig vom Tisch.
Das Geräusch, als sie zerbrach, war erstaunlich sanft.
„Hoppla“, sagte er und lächelte.
Drei Tage später saß Katharina im Bus Richtung Dorf. Das Fahrzeug kroch über eine zerfurchte Straße, roch nach Diesel und feuchter Erde. Sie stieg an einer Kurve mit einer verwitterten Tafel aus und ging zu Fuß weiter – erst über ein Feld, dann am Waldrand entlang. Die Tasche schnitt ihr in die Schulter, ihre Schuhe versanken im Schlamm.
Die Imkerei empfing sie mit Stille und dem gleichmäßigen Summen der Bienen. Das Haus wirkte kleiner als in ihrer Erinnerung: schief, ein Fenster vernagelt, aber das Dach war intakt.
Drinnen stellte sie die Taschen ab. Ein Tisch, eine Bank, der alte Ofen. An der Wand hing ein Foto von ihrem Großvater und einem zweiten Mann – etwa vierzig, breitschultrig, mit schwerem Blick.
Draußen hockte sie sich neben die Stöcke. Sie beobachtete die Bienen bei ihrer Arbeit – zielstrebig, ohne Hast. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie, wie etwas in ihr ruhiger wurde.
„Und zu wem gehören Sie?“
Die Stimme war tief und rau.
Katharina fuhr herum. Vor ihr stand der Mann vom Foto. Älter jetzt. In der Hand hielt er einen Stock – nicht als Gehhilfe, eher wie etwas, das man notfalls einsetzen konnte.
„Ich… ich bin Heinrich Brauns Enkelin.“
Er musterte sie lange, dann nickte er.
„Jonathan Winter. Ich habe hier nach der Imkerei gesehen. Dein Großvater meinte, du würdest kommen.“
„Das hat er gesagt?“
„Kurz bevor er gestorben ist.“
Jonathan hinkte. Sein linkes Bein schleifte leicht nach.
„Ich habe keine Ahnung von Bienen“, gab Katharina zu. „Überhaupt keine.“
„Lernen Sie es“, meinte er knapp. „Oder verkaufen Sie.“
„Ich weiß es noch nicht.“
„Dann stehen Sie nicht im Weg.“ Er drehte sich um und ging zum Schuppen, ohne zurückzublicken.
Am Abend klingelte ihr Handy.
„Na? Wie ist es im Niemandsland? Schon bereit, wiederzukommen?“ Markus’ Stimme klang amüsiert.
„Nein.“
„Katharina, hör auf mit dem Unsinn. Ich habe einen Interessenten. Sehr guter Preis. Unterschreibst, und wir fahren nach Hause.“
„Ich werde nicht verkaufen.“
Stille. Dann ein kurzes, böses Lachen.
„Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Glaubst du ernsthaft, jemand erträgt deine Launen?“
„Ich weiß es nicht, Markus“, sagte sie und spürte, wie etwas in ihr endgültig zerbrach. „Aber hier nennt mich niemand wertlos.“
Sie beendete das Gespräch. Ihre Hände zitterten.
Eine halbe Stunde später vibrierte ihr Telefon erneut. Unbekannte Nummer. Eine Nachricht. Ein Video. Auf dem Bildschirm war zu sehen—
