«Sie. Euch alle.» — sagte Sophie ruhig im Türrahmen und löste wachsendes Entsetzen aus

Wie beschämend und erbarmungslos eure Gleichgültigkeit war.
Geschichten

Seine sonst so selbstsichere Haltung bekam feine Risse, doch er zwang sich, den vertrauten Tonfall beizubehalten, als könne eine höfliche Floskel das Gleichgewicht wiederherstellen.

„Verzeihen Sie, aber … Ihr Name?“ fragte Markus Huber, beinahe förmlich, mit der Hoffnung, über diese Kleinigkeit wieder Oberwasser zu gewinnen.

Die Frau zögerte nicht.
„Sophie“, sagte sie ruhig. „Sophie Hartmann.“

Der Name schien sich im Raum festzusetzen. Für manche blieb er bedeutungslos, für andere wirkte er wie ein Schlag in die Magengrube. Mehrere Anwesende senkten den Blick, als hätten sie plötzlich erkannt, welchen Anteil sie an längst vergangenen Geschehnissen getragen hatten.

Sophie ging langsam weiter, ohne sich einem der Tische zu nähern. Sie blieb mitten im Saal stehen – genau dort, wo früher jene Platz nahmen, die laut waren, dominant, unangreifbar. Damals war dieser Ort für sie unerreichbar gewesen.

„Ich habe lange gezögert, ob ich heute hier erscheinen soll“, fuhr sie fort. „Fünfzehn Jahre gelten gemeinhin als ausreichend, um alles hinter sich zu lassen. Zumindest erzählt man sich das gern.“

Ihr Blick glitt über die Gesichter. Einige wirkten angespannt, andere demonstrativ gleichgültig, wieder andere bemühten sich um ein Lächeln, als handle es sich um eine unerwartete Einlage im Abendprogramm.

„Doch manches verblasst nicht“, sagte Sophie leise. „Es bleibt. Es prägt Entscheidungen. Es lenkt Lebenswege.“

Mit einer abrupten Bewegung erhob sich Katharina Engel von ihrem Stuhl.
„Wenn Sie hier eine Szene veranstalten wollen“, erklärte sie kühl, „dann ist das vollkommen unangebracht.“

Sophie sah sie ruhig an, ohne Vorwurf, ohne Zorn.
„Du konntest schon immer festlegen, was angebracht ist“, entgegnete sie. „Erinnerst du dich, wie du entschieden hast, wer neben dir sitzen durfte – und wer besser aus dem Klassenraum verschwand?“

Katharina öffnete den Mund, doch die Worte blieben aus. Erinnerungen, die sie jahrelang als belanglos abgetan hatte, erhielten plötzlich ein beunruhigendes Gewicht.

„Ich bin nicht hier, um Entschuldigungen einzusammeln“, fuhr Sophie fort. „Und auch nicht, um Erklärungen zu hören. Die meisten von euch haben sich ihre Version der Geschichte längst selbst zurechtgelegt.“

Sie ließ eine Pause entstehen und überließ der Stille den Raum.

„Ich bin gekommen, um zu zeigen, dass Vergangenheit nicht zwangsläufig das Ende festschreibt.“

Markus verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln, ein letzter Versuch, die Oberhand zurückzuerlangen.
„Und was genau wollen Sie uns damit beweisen?“ fragte er. „Dass Sie es weit gebracht haben?“

Sophie neigte leicht den Kopf.
„Nein. Erfolg ist relativ. Mir geht es darum, daran zu erinnern, dass jedes Handeln Folgen hat. Manche zeigen sich erst viel später.“

Sie griff in ihre Tasche, zog eine schmale Mappe hervor und legte sie auf den nächstgelegenen Tisch. Niemand wagte, sie zu berühren, doch alle Augen ruhten auf dem unscheinbaren Gegenstand.

„Hier finden sich Unterlagen“, erklärte sie. „Belege. Aussagen. Geschichten, die man lieber vergessen hätte.“

Obwohl alle Türen geschlossen waren, schien die Temperatur im Raum zu sinken.

„Seit vielen Jahren arbeite ich mit Jugendlichen“, sagte Sophie weiter. „Mit jenen, denen niemand zuhört. Die man kleinmacht. Die durch Spott und Ignoranz zerbricht. Ich weiß, wie solche Geschichten enden können.“

Ihre Stimme blieb ruhig, doch eine Tiefe schwang mit, die Unbehagen auslöste.

„Einige von euch sind heute Eltern. Andere leiten Abteilungen, Firmen, Teams. Manche halten sich für Vorbilder. Ich jedoch erinnere mich daran, wie ihr gelacht habt, als man mir die Hefte zerriss. Wie ihr wegsahen habt, wenn man mich im Flur schubste. Wie ihr geschwiegen habt, obwohl ein einziges Wort gereicht hätte.“

Ein Mann am Fenster ließ sich schwer auf einen Stuhl sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. An einem anderen Tisch war ein leises Schluchzen zu hören.

„Ich klage niemanden an“, sagte Sophie. „Ich stelle fest.“

Sie trat näher an Markus heran, bis nur noch wenige Schritte zwischen ihnen lagen.

„Du hast damals von Gipfeln gesprochen“, sagte sie gedämpft. „Von Siegern. Weißt du, was ich gelernt habe? Wahre Höhe misst sich nicht daran, wie weit man über anderen steht, sondern daran, wie viele man auf dem Weg nach oben nicht zertreten hat.“

Markus’ Gesicht verlor jede Farbe. Seine Selbstgewissheit zerfiel wie Glas unter einem harten Schlag.

„Und was passiert jetzt?“ fragte er kaum hörbar.

Sophie ließ den Blick ein letztes Mal durch den Saal wandern, als wollte sie sich jedes einzelne Gesicht einprägen.
„Jetzt werdet ihr euch erinnern“, antwortete sie ruhig. „Und beim nächsten Mal vielleicht eine andere Entscheidung treffen.“

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