«Sie. Euch alle.» — sagte Sophie ruhig im Türrahmen und löste wachsendes Entsetzen aus

Wie beschämend und erbarmungslos eure Gleichgültigkeit war.
Geschichten

Beim Klassentreffen tauchte eine Frau auf, die niemand auf Anhieb einordnen konnte. Erst nach einem flüchtigen Moment der Irritation begriffen die Anwesenden mit wachsendem Entsetzen: In der eleganten Erscheinung vor ihnen steckte jenes unscheinbare Mädchen von früher, über das man gelacht hatte und das man am liebsten übersehen wollte. Niemand verstand, aus welchem Grund sie heute hier war.

Vergeltung in gedämpften Farben

Im weitläufigen Saal des Restaurants „Silberne Brise“ herrschte eine wohltemperierte Festlichkeit. Draußen peitschte der kalte Oktoberniesel gegen die Fensterfront, während innen ein warmer, bernsteinfarbener Lichtschimmer alles umhüllte – als existiere dieser Ort losgelöst von der Außenwelt. Der glänzende Boden spiegelte die Kronleuchter wider, und die kleinen Flammen der Kerzen auf den Tischen erzeugten eine trügerische Ruhe.

Seit dem Abitur waren fünfzehn Jahre vergangen. Eine Spanne, die Formeln und Jahreszahlen verblassen lässt, nicht jedoch die Verletzungen, die durch Spott, Ignoranz und Grausamkeit entstanden waren.

Unter dem massiven Kristalllüster bewegte sich selbstsicher Markus Huber, einst der unumstrittene Star der Klasse, heute ein Mann, der es gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen. Er wirkte kaum verändert: derselbe überlegene Habitus, ein makelloser, teurer Anzug, dieser Blick von oben herab. An seiner Seite stand Katharina Engel, seine Ehefrau – kühl, schön, mit jener scharfen Aufmerksamkeit, die früher darüber entschied, wer Zielscheibe der nächsten Bosheit wurde.

— Ich würde gern anstoßen, — verkündete Markus mit fester Stimme. Das Klirren der Gläser durchzog den Raum. — Auf uns. Auf diejenigen, die es geschafft haben, sich oben zu halten. Das Leben ist ein Wettkampf: Es gibt Sieger und… jene, die eben Pech hatten.

Weiter kam er nicht. Ein hartes Geräusch vom Eingang her zerschnitt die Worte. Die Türen schwangen auf, ließen einen Schwall feuchter Kälte herein, und augenblicklich wandten sich alle Köpfe dorthin.

Im Türrahmen stand eine Frau.

Mit ihr drang die Kälte des Herbstabends in den Saal, wie eine Erinnerung an die Realität jenseits dieses künstlichen Glanzes. Sie verharrte kurz, ließ die Tür hinter sich zufallen und ging erst dann langsam los. Ihre Absätze waren beinahe lautlos, doch merkwürdigerweise schien jede ihrer Bewegungen wahrgenommen zu werden.

Ihre Kleidung war zurückhaltend, frei von demonstrativem Luxus, und doch wirkte alles an ihr durchdacht. Ein helles Mantelkleid betonte die Silhouette, das dunkle Haar war sorgfältig zusammengesteckt. Ihr Blick war ruhig, prüfend, ohne Hast. Kein Trotz lag darin, aber auch keine Unsicherheit – vielmehr die stille Selbstverständlichkeit eines Menschen, der genau weiß, weshalb er hier ist.

Die Stille dehnte sich aus, wurde unangenehm lang. Jemand räusperte sich verlegen, ein anderer sah hastig weg, während einige versuchten, in ihrem Gesicht vertraute Züge aus vergangenen Tagen zu entdecken.

— Entschuldigen Sie… — meldete sich schließlich eine Frau an einem der hinteren Tische. — Wen… suchen Sie?

Die Besucherin blieb stehen. Ein kaum wahrnehmbares Zucken ging über ihre Lippen, doch ihre Stimme klang klar.

— Sie. Euch alle.

Gerade weil diese Worte ohne Vorwurf ausgesprochen wurden, legten sie sich schwer auf die Stimmung. Markus verzog das Gesicht, stellte sein Glas ab und musterte die Fremde mit jener gewohnten Überheblichkeit.

— Das ist eigentlich eine geschlossene Veranstaltung, — sagte er kühl. — Nur für ehemalige Absolventen.

Ihr Blick glitt zu ihm hinüber. In diesem Moment ging ein hörbares Raunen durch den Saal – zu abrupt, zu eindeutig war das Wiedererkennen. Katharina Engel wurde bleich, ihre Finger krallten sich in die Stoffserviette.

— Ich gehöre dazu, — entgegnete die Frau ruhig. — Ihr habt mich in der Schulzeit nur lieber übersehen.

Ein Flüstern lief durch die Reihen wie ein Luftzug durch trockenes Laub. Man tauschte Blicke, suchte in der Erinnerung, setzte Bruchstücke zusammen. Lange Verdrängtes stieg an die Oberfläche und gewann eine unangenehme Schärfe.

— Das kann nicht sein…

— Meinst du wirklich… sie?

— Aber damals war sie doch ganz anders…

Markus Huber trat einen Schritt nach vorn, als wolle er die Kontrolle über die Situation zurückgewinnen, und holte sichtbar Luft, während sich die gespannte Erwartung im Raum weiter verdichtete.

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