Keine Vorabinformation an Tobias Kern. Das war eine nicht verhandelbare Bedingung.
Nachdem die Hauptkonten gesperrt waren, nahm ich mir die Nebenstrukturen vor. Tobias hatte vorgesorgt – mehrere Ausweichkonten liefen über Tarnfirmen, sauber voneinander getrennt. Doch Ulrich Roth war noch vorausschauender gewesen. In dem Tresor fand ich eine akribisch geführte Liste: Firmenbezeichnungen, Kontonummern, Banken. Offenbar hatte er genau diesen Moment einkalkuliert.
Gegen drei Uhr nachmittags war jeder finanzielle Zugang von Tobias vollständig gekappt. Ich stellte mir vor, wie er gerade in irgendeinem Konferenzraum saß, einen Transfer auslösen wollte und stattdessen Fehlermeldung um Fehlermeldung kassierte. Schadenfreude ist kein edles Gefühl – und dennoch kostete ich es in dieser Stunde genüsslich aus.
Kurz nach vier klingelte mein Telefon. Eine Nummer, die ich nicht kannte.
„Claudia Reimann?“ Die Stimme klang fahrig, beinahe panisch. „Hier spricht Henry Meier, Geschäftspartner von Tobias Kern. Was geht hier vor sich? Warum sind sämtliche Konten blockiert? Wir hätten den Deal vor einer Stunde abschließen müssen!“
„Der Abschluss findet nicht statt, Herr Meier“, erwiderte ich ruhig. „Aus Gründen, die nicht in Ihrer Verantwortung liegen. Ich rate Ihnen dringend, sich künftig von Tobias Kern zu distanzieren. Er steuert auf erhebliche Schwierigkeiten zu.“
Ich beendete das Gespräch. Danach riss die Kette der Anrufe nicht ab: Bankberater, Geschäftspartner, sogar jemand aus dem Finanzamt. Allen erklärte ich sachlich dasselbe – der Geschäftsbetrieb sei auf Anordnung der Eigentümerin vorübergehend ausgesetzt.
Um halb fünf krachte die Haustür. Sekunden später stürmte Tobias in mein Arbeitszimmer. Sein Gesicht war dunkelrot vor Wut, die Krawatte schief, das Haar zerzaust.
„Du! Du bist doch völlig durchgedreht, du alte Hexe!“, brüllte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, sodass die Glasbriefbeschwerer klirrten. „Weißt du überhaupt, was du angerichtet hast? Du hast einen Fünfzig-Millionen-Deal zerstört! Meine Reputation ist ruiniert!“
Langsam erhob ich mich. „Nein, Tobias“, sagte ich ruhig. „Deinen Ruf hast du selbst vernichtet – in dem Moment, als du meine Tochter geschlagen hast.“
Er erstarrte. Die Raserei wich zuerst Verwirrung, dann einem kalkulierenden, kalten Blick. „Und das soll jetzt was ändern?“, fragte er spöttisch. „Ich lasse die Konten gerichtlich freigeben. Meine Kontakte…“
„Versuch es“, unterbrach ich ihn und ging zum Fenster. „Aber sieh dir das vorher an.“
Zögernd trat er neben mich. Im Innenhof standen zwei Fahrzeuge: ein Streifenwagen und ein Auto des Jugendamtes. Zwei Polizisten stiegen aus, gefolgt von einer Frau im sachlichen Kostüm und einer jungen Mitarbeiterin.
„Was soll das?“, zischte er.
„Die Konsequenzen“, antwortete ich. „Die Polizei wegen der Körperverletzung. Und das Jugendamt, um zu prüfen, ob ein Kind bei jemandem bleiben darf, der Gewalt ausübt.“
Sein Gesicht wurde aschfahl. „Das kannst du nicht beweisen. Franziska wird nichts sagen.“
„Doch“, erklang eine leise, feste Stimme hinter uns.
In der Tür stand Franziska Neumann. Jeans, Pullover, die Haare zum Zopf gebunden. Sie wirkte blass, aber entschlossen. In der Hand hielt sie ihr Handy.
„Ich habe unser Gespräch von heute Morgen aufgenommen, Tobias“, sagte sie ruhig. „Und ich habe Fotos von allen blauen Flecken. Außerdem habe ich deine alten Nachrichten gespeichert – die Drohungen.“
Er starrte sie an, als sähe er einen Geist. Die eingeschüchterte, schweigende Frau war verschwunden. Vor ihm stand jemand mit klarem Blick und geballten Fäusten.
„Du… das wagst du nicht“, murmelte er, doch seine Stimme trug keine Überzeugung mehr.
„Ich wage es“, entgegnete Franziska. „Für Leni. Und für mich.“
Danach ging alles rasend schnell. Die Beamten betraten das Haus, höflich, aber bestimmt, und forderten Tobias auf, sie zur Aussage zu begleiten. Er protestierte, berief sich auf Beziehungen, doch als einer der Polizisten sachlich auf die Tonaufnahmen und Fotos verwies, sackte er in sich zusammen.
Die Mitarbeiterin vom Jugendamt sprach ausführlich mit Franziska, besichtigte die Wohnung und stellte mir Fragen. Währenddessen traf meine Freundin mit ihrer Enkelin ein – ich hatte sie am Morgen gebeten, Leni aus dem Kindergarten abzuholen, damit sie nicht mitansehen musste, wie sich der Rest dieses Chaos entfaltete.
