…er redete sich weiter in Rage, ohne Luft zu holen. Jeder Satz klang wie eine Anklage, wie ein perverser Rechtfertigungsversuch.
„Jedes einzelne Dokument habe ich zehnmal geprüft“, prahlte Markus. „Ein halbes Jahr Vorbereitung, Kontakte, Gefälligkeiten – und Geld, verdammt viel Geld! Und deine Bruchbude? Lächerlich. Die alte Nachbarin ließ ständig den Spirituskocher an. Ich habe nur ein bisschen nachgeholfen. Damit du nicht weiter dort verreckst. Damit du zu mir kommst. Unbelastet.“
Sein Blick glitt verächtlich zu ihrem Bauch, als stünde Elias noch immer zwischen ihnen. „Und er … er ist Dreck. Den muss man loswerden. Ich habe längst alles organisiert. Eine gute Klinik draußen in Brandenburg, privat, teuer. Du kannst ihn besuchen, wenn du meinst, so sentimental zu sein. Aber wohnen wirst du bei mir.“
Er sprach, und mit jedem Wort fiel eine weitere Maske. Nichts Heimliches blieb mehr übrig, keine Ausrede, kein Versteck. Markus war sich sicher, dass sie ihm ausgeliefert war, und genoss diese Gewissheit. Fast stolz erzählte er, wie er Daniel Werners Computer manipuliert hatte, ein paar verdächtige Buchungen, sauber platziert, kaum nachweisbar.
„Alles für dich, du Närrin! Und was machst du? Läufst davon. Aber das holen wir jetzt nach. Wir fahren heim. Dort wird wieder alles richtig.“
Er packte Johanna am Handgelenk. Der Griff war so fest, dass es in den Knochen knackte. In genau diesem Moment traten die Männer näher. Es ging rasend schnell: das metallische Klicken der Handschellen, Markus’ wütendes Fluchen, erst ungläubig, dann panisch. Er riss sich los wie ein wild gewordenes Tier, doch sie hielten ihn fest und drückten ihn zu Boden.
Johanna saß reglos da, die Tasche mit dem laufenden Diktiergerät fest an die Brust gedrückt, und sah zu, wie sie ihn abführten. An der Tür drehte er sich noch einmal um. Sein Blick, eine Mischung aus verletztem Stolz und blankem Hass, brannte sich in sie hinein.
„Du gehörst mir!“, schrie er heiser. „Du kommst zurück!“
Sie kam nicht zurück.
Was folgte, war ein endloser Strom aus Formularen und Vernehmungen. Anzeige, die Anerkennung der Tonaufnahme als Beweis, neue Ermittlungen: Brandstiftung, Urkundenfälschung, falsche Beschuldigungen. Markus Schmitt kam in Untersuchungshaft. Ein psychiatrisches Gutachten diagnostizierte eine schwere Persönlichkeitsstörung, eine manische Fixierung. Das Gericht ordnete eine geschlossene Therapie an.
Der Anwalt von Elisabeth Weiß und ein befreundeter Ermittler nahmen Daniels alten Fall erneut auseinander. Immer neue Details tauchten auf, Zeugen meldeten sich, geschützt durch Zusagen der Staatsanwaltschaft. Die Wiederaufnahme zog sich weitere neun Monate hin.
Johanna lebte in dieser Zeit mit Elias bei Elisabeth Weiß. Beengt, bescheiden, aber ruhig. Sie fand über eine Bekannte Arbeit in einem Salon, Elisabeth kümmerte sich um ihren Enkel. Zwei Frauen, verbunden durch die Liebe zu demselben Mann – einem, der gefehlt hatte – und zu dem kleinen Jungen, der da war, fanden vorsichtig zueinander.
Als Daniel endlich entlassen wurde, fiel derselbe feine, unangenehme Novemberregen wie damals. Er war schmal geworden, fast zerbrechlich, und in seinen Augen lag eine Leere, die selbst das Licht der Hoflaterne nicht füllen konnte. Er stieg die Treppe hinauf, ohne zu wissen, was ihn erwartete.
Elisabeth öffnete, brach sofort in Tränen aus. Daniel schloss sie im engen Flur in die Arme – und sah dann Johanna. Sie stand im Küchentürrahmen, Elias auf dem Arm, ein kräftiger einjähriger Junge mit ernsten grauen Augen.
Daniel wich zurück, als hätte er einen Geist gesehen. Kein Wort kam über seine Lippen.
„Das ist Elias“, sagte Johanna leise. „Dein Sohn.“
Sie stürzte nicht auf ihn zu. Zu viel Schmerz lag zwischen ihnen, zu viele Fehler – seine und ihre, weil sie Markus geglaubt hatte. Sie blieb stehen und wartete.
Langsam trat Daniel näher, ging in die Hocke, um auf Augenhöhe mit dem Kind zu sein. Elias musterte ihn neugierig, ohne Scheu. Dann streckte er die Hand aus und berührte mit einem Finger den Bartschatten an Daniels Wange.
Erst da brach Daniel. Tränen liefen lautlos, seine Schultern bebten. Er zog den Jungen an sich, presste das Gesicht gegen die warme Jacke und brachte nur ein heiseres „Verzeih mir“ hervor.
Zum Vergeben war es noch zu früh. Die Wunden waren offen. Doch sie hatten etwas, das ihnen niemand mehr nehmen konnte: ein gemeinsames Kind, ein geteiltes Leid und einen Teil ihres Lebens, den Markus ihnen nicht hatte rauben können.
Später saßen sie in der Küche, tranken Tee. Elias krabbelte zwischen ihren Füßen und schlug mit einem Spielzeug auf den Boden. Sie redeten wenig – über das Verfahren, über Markus, über das, was kommen könnte. Daniel würde nicht sofort arbeiten können, Körper und Seele brauchten Zeit. Aber es gab ein Zuhause. Eine Mutter. Einen Sohn. Und Johanna, die geblieben war.
Vielleicht kehrte die Liebe nicht sofort in ihrer früheren, unbeschwerten Form zurück. Doch etwas anderes begann zu wachsen: fest, tief verwurzelt, widerstandsfähig. Wie der kahle Baum vor dem Fenster, schwarz im Novemberregen, der unter seiner Rinde bereits den Saft für den kommenden Frühling trug. Sie sahen ihren Sohn an – und das genügte fürs Erste. Genug, um neu anzufangen. Langsam. Behutsam. Tag für Tag.
