Sie trat aus dem Bad, den dünnen Baumwollbademantel mit kleinen Blumen fest um sich geschlungen. In der Küche herrschte eine beinahe unheimliche Stille. Elisabeth Weiß saß am Tisch und hielt Elias Brenner in den Armen, eingewickelt in ein viel zu großes Badetuch. Das Kind schlief tief und ruhig, die Lippen bewegten sich leicht, als würde es im Traum trinken. Der Blick der alten Frau jedoch war erstarrt, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.
„Johanna…“, setzte sie an, doch die Stimme versagte ihr. Nach einem Moment fuhr sie fort, brüchig und kaum hörbar: „Er hat… hier, auf der linken Schulter. Ein Muttermal. Wie ein Ahornblatt. Genau so eines… exakt dasselbe… wie Daniel.“
Johanna nickte nur und ließ sich schwer auf den Stuhl sinken. Jede Bewegung kostete Kraft, die sie kaum noch besaß.
„Ja. Er ist dein Enkel. Elias. Daniel… Daniel wusste nichts davon. Als er ging, wusste ich es selbst noch nicht.“
„Er ging…“, wiederholte Elisabeth langsam. In ihren Augen flackerte ein alter, vertrauter Schmerz auf, den Johanna nur zu gut kannte. „Nein, Johanna. Er ist nicht gegangen. Man hat ihn geholt.“
Ohne sie anzusehen, den Blick starr auf ein Regal gerichtet, in dem Gläser mit eingelegtem Gemüse standen, begann Elisabeth zu erzählen. Eine Geschichte, die Johanna bisher nur in einer völlig anderen Fassung gehört hatte. Von der Firma, in der Daniel gearbeitet hatte. Von einer plötzlich angesetzten Sonderprüfung. Von massiven finanziellen Unregelmäßigkeiten. Davon, wie sich alle Verdachtsmomente auf ihn konzentrierten – den jungen, erfolgreichen Finanzchef. Und wie er begriff, dass man ihn zum Sündenbock machte. Dass er wusste, wer dahintersteckte. Aber auch, dass er Johanna nicht mit in diesen Abgrund reißen wollte. Also schnitt er alles ab, spielte Gleichgültigkeit, erfand eine Affäre. Sagte Sätze, die wehtaten, aber schützen sollten: „Vergiss mich. Fang neu an. Sei glücklich.“
Elisabeth sprach auch von manipulierten Unterlagen, von Druck, von Drohungen. Und davon, dass für sie alle Spuren zu Markus Schmitt führten. Zu dem Mann, der Daniel immer beneidet hatte. Der Johanna schon lange beobachtet hatte, sich aber nie näherte, solange Daniel da war.
„Beweisen kann ich nichts“, flüsterte Elisabeth und wiegte Elias sanft. „Das Verfahren ist abgeschlossen. Er sitzt seit anderthalb Jahren. Ich fahre hin, so oft ich kann, aber… er ist gebrochen. Und ich dachte, du… ich dachte wirklich, du hättest mit Markus dein Glück gefunden. Er kam zu mir, erzählte, er kümmere sich um dich, ihr hättet Kontakt. Da habe ich mir gesagt: vielleicht ist es besser so. Und nun… nun stellt sich heraus, was er wirklich ist.“
„Er hat mich geheiratet“, sagte Johanna tonlos. „Er sprach von Liebe. In Wahrheit wollte er nur eines: dass ich Elias weggebe. Gerade eben hat er es gesagt. Ganz offen. ‚Gib ihn ab. Das ist dein Problem.‘“
Elisabeth schloss die Augen. Dann stellte sie Elias vorsichtig in sein Körbchen, ging zum Schrank, holte eine Flasche Baldrian hervor und nahm einen tiefen Schluck direkt aus dem Hals.
„Ein Tier“, sagte sie heiser. „Kalt. Berechnend. Und der Brand bei dir… glaubst du wirklich, das war Zufall?“
Johanna spürte, wie ihr Inneres gefror. Bis zu diesem Moment hatte sie nicht darüber nachgedacht. Sie war zu müde, zu ausgelaugt gewesen. Doch jetzt fügten sich die Teile zu einem grauenhaften Bild. Markus hatte Daniel aus dem Weg geräumt. Markus hatte ihr Zuhause zerstört. Markus hatte sie isoliert und ihr dann seine vermeintliche Rettung angeboten. Und nun forderte er den Preis – den endgültigen Verzicht auf ihren Sohn.
„Was soll ich tun?“, fragte sie leise. Die Frage richtete sich nicht nur an Elisabeth, sondern an alles und jeden, an eine Welt, die aus den Fugen geraten war, an einen Gott, an den sie nur halb glaubte. „Er wird mich hier finden. Er wird anrufen, drohen. Mit ihm stimmt etwas nicht. Er hört nicht auf.“
„Wir müssen Beweise sammeln“, sagte Elisabeth überraschend fest. „Drohungen. Geständnisse. Ich kenne jemanden. Einen pensionierten Ermittler. Ein Freund meines verstorbenen Mannes. Er wird uns beraten. Und du… du musst mit Markus sprechen. Ihn reden lassen. Alles aufnehmen.“
Der Plan war gefährlich, beinahe wahnsinnig. Aber es gab keinen anderen. Schon am nächsten Morgen begann es wie erwartet: Anrufe. Zuerst leise, beschwichtigend. „Johanna, komm zurück. Ich liebe dich doch. Ich habe überreagiert. Verzeih mir.“ Als sie schwieg, kippte der Ton. Beschimpfungen, Drohungen, blanker Hass. Sie stellte das Telefon auf Lautsprecher. Elisabeth saß daneben, kreidebleich, und nahm jedes Wort mit einem alten Diktiergerät auf.
„Ich finde dich, du Miststück! Glaubst du, du kannst dich verstecken? Ich habe alles für dich getan! Alles! Ich habe Daniel hinter Gitter gebracht! Ich habe deine Wohnung abgefackelt, damit du nirgends hin kannst! Du gehörst mir! Mir! Entweder du kommst zurück, oder ich mache euch beide fertig – dich und dein Bastard…“
Seine Stimme überschlug sich, wurde zunehmend wirrer. Zwei Tage später, auf Anraten des alten Ermittlers, erklärte Johanna sich zu einem Treffen bereit. Ein öffentlicher Ort. Ein Café am U-Bahnhof. In ihrer Tasche lief das Aufnahmegerät. An den Nachbartischen saßen zwei unauffällige Männer aus der Abteilung für häusliche Gewalt – Bekannte eben jenes Ermittlers.
Markus kam herein wie ein Sturm. Unrasiert, gerötete Augen, der Mantel nass und schief an ihm hängend. Als er sie sah, ging er nicht langsam auf sie zu, er stürmte heran und stieß dabei einen Stuhl um.
„Wo warst du?“, bellte er. „Zu Hause ist es kalt, nichts zu essen! Los, aufstehen! Wir gehen jetzt!“
„Ich komme nicht zurück, Markus“, sagte Johanna ruhig. „Zwischen uns ist es vorbei.“
Er lachte schrill, beugte sich dicht zu ihr. Alkohol und Schweiß schlugen ihr entgegen.
„Vorbei?“, zischte er. „Wir haben gerade erst angefangen. Weißt du eigentlich, was das gekostet hat? Daniel, dieser Musterknabe… den hinzulegen? Glaubst du, das war einfach?“
