„Bring ihn endlich zum Schweigen! Dieses Geschöpf brüllt schon wieder! Ich kann so nicht arbeiten!“ — brüllt Markus Schmitt, stürmt ins Zimmer, die Tür kracht gegen die Wand

Feige Gewalt treibt mutige Mutter zur Flucht.
Geschichten

Verzweiflung ist ein schlechter Ratgeber – und doch hatte sie sich damals an ihn gehalten wie an einen letzten Rettungsring. Auf dem Standesamt fühlte sie sich, als würde sie einen Gang zum Schafott antreten, und dennoch flackerte irgendwo tief in ihr ein Rest Hoffnung. Vielleicht würde es ein Zuhause geben. Vielleicht einen Ehemann. Vielleicht einen Vater für ihr Kind, der blieb.

Nun lag all das zertrümmert vor ihr. Markus wollte keine Familie. Er wollte sie – isoliert, losgelöst, ohne Geschichte. Ohne Erinnerungen, ohne Verantwortung. Ein unbeschriebenes Blatt, das er nach Belieben formen konnte. Und Elias war genau das Gegenteil davon: ein atmendes, schreiendes, lebendiges Beweisstück ihrer Vergangenheit. Etwas, das Markus ausradieren wollte.

An diesem Abend hatte er getrunken. Erst Bier, dann Schnaps. Mit jedem Glas wurde seine Stimme lauter, sein Auftreten drängender. Er tauchte immer wieder im Kinderzimmer auf, blieb im Türrahmen stehen und starrte auf den schlafenden Elias. In seinem Blick lag eine Kälte, die Johanna körperlich krank machte.

„Pennt er endlich, der kleine Drecksack?“ murmelte er. „Bloß nicht wach werden. Hast du gehört? Es muss ruhig bleiben. Sonst sorge ich selbst dafür.“

Er schlug sie nicht. Noch nicht. Aber die Drohung hing bereits im Raum, schwer und träge wie giftiger Nebel. Als er irgendwann auf dem Sofa im Wohnzimmer zusammensackte und zu schnarchen begann, hielt Johanna den Atem an. Erst als sie sicher war, dass er tief schlief, ließ sie die Luft aus den Lungen entweichen – und begann sich zu bewegen.

Alles geschah wie ferngesteuert. Seit einem Monat, seit den ersten Ausbrüchen, stand im Flur hinter dem Schrank eine gepackte Tasche. Windeln, zwei Gläschen Babynahrung, Pulvermilch, Fläschchen, Wasser, Feuchttücher, frische Sachen für Elias, ein Pullover für sie selbst, Papiere. Und das Geld: jeder Euro, den sie heimlich beiseitegelegt hatte – ein paar tausend insgesamt. Sie griff nach der Tasche, wickelte den inzwischen wach gewordenen, leise quengelnden Elias in eine warme Decke, zog sich hastig die alte Daunenjacke über. Auf Zehenspitzen in den Flur. Schlüssel vom Tisch. Knarrte die Tür? Ihr Herz hämmerte so laut, dass es ihr die Ohren füllte.

Draußen empfing sie der November. Noch kein richtiger Schnee, aber dieses widerliche Übergangswetter: Regen, nasse Flocken, böiger Wind, der den Bäumen die letzten klebrigen Blätter riss. Es war dunkel, nur Laternen spiegelten sich auf dem Asphalt. Johanna drückte Elias, dessen Gesicht im Kapuzenstoff verborgen war, fest an sich und rannte. Wohin, wusste sie selbst nicht. Weg. Einfach weg. Fort von diesem Haus, von der stillen Siedlung mit den hohen Zäunen, in die Markus sie „der Ruhe wegen“ gebracht hatte.

Ihre Stiefel füllten sich mit Wasser, jede Pfütze bremste sie aus. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht. Elias begann zu weinen, erschrocken vom Tempo, von der Kälte. „Ganz ruhig, mein Schatz, alles ist gut“, flüsterte sie, ohne selbst daran zu glauben. Sie hielt auf die großen Wohnblocks zu, auf belebte Straßen, wo es Licht gab, Menschen, offene Läden. Nach einer halben Stunde, völlig außer Atem, flüchtete sie sich unter das Vordach eines geschlossenen Kiosks. Mit zitternden Fingern zog sie das Handy hervor. Wen konnte sie anrufen? Enge Freunde hatte sie nicht. Lena aus dem Heim lebte inzwischen bei ihrer Tante auf dem Land, hatte sie eingeladen – aber das war weit weg, und Geld für Tickets hatte sie keines. Es blieb nur eine Adresse. Ein letzter, hauchdünner Faden.

Sie wählte eine Nummer, die sie noch aus der Zeit mit Daniel im Kopf hatte. Es dauerte, bis jemand abhob.

„Ja?“ Die Stimme klang verschlafen.

„Elisabeth Weiß? Hier ist… Johanna. Daniels… frühere Freundin. Entschuldigen Sie die späte Stunde. Aber ich… ich weiß nicht mehr weiter.“

Stille. Dann ein hörbares Einatmen.

„Johanna? Was ist passiert? Wo bist du?“

„Draußen. Mit meinem Kind. Mit Ihrem… Enkel. Bitte, darf ich zu Ihnen kommen? Nur für diese Nacht. Ich flehe Sie an.“

Wieder eine Pause. Johanna umklammerte das Handy, bis ihre Finger schmerzten.

„Du kennst die Adresse? Ruf dir ein Taxi. Ich übernehme die Kosten, wenn du da bist. Ich warte.“

Da brach es aus ihr heraus. Weinend bestellte sie über die App ein Taxi. Elias, beruhigt von ihrer Nähe, wurde still. Das Auto kam schnell. Als sie einstieg, in den warmen Innenraum, der nach Duftbaum roch, blickte sie noch einmal zurück: eine leere, vom Regen glänzende Straße. Niemand zu sehen. Markus schlief noch. Sie hatte Zeit gewonnen.

Elisabeth Weiß öffnete die Tür nicht im Morgenmantel, sondern in einem abgetragenen Trainingsanzug, als hätte sie gar nicht geschlafen. Ihr Gesicht wirkte erschrocken und müde, doch ihre Augen – Daniels Augen – musterten alles aufmerksam.

„Komm rein, schnell, du bist ja völlig durchnässt. Gib mir das Baby.“

Behutsam, fast hastig, nahm sie Elias aus Johannas steifen Armen. In der Wohnung roch es nach Katze, Kamillentee und alten Büchern – ein vertrauter Geruch aus einem anderen Leben. Johanna zog die nassen Stiefel aus, konnte das Zittern nicht stoppen, das tief in ihr saß wie ein Motor unter den Rippen.

„Ab ins Bad, heiß duschen“, bestimmte Elisabeth, während sie Elias aus der Decke wickelte. „Ich kümmere mich um ihn. Babysachen hab ich keine, aber wir finden etwas.“

Gehorsam ging Johanna ins Bad. Das heiße Wasser brannte auf der Haut, spülte Kälte und Angst hinunter. Lautlos weinte sie unter dem Strahl. Was nun? Eine Nacht war nur ein Aufschub. Wohin morgen? Zurück konnte sie nicht. Das wäre das Ende gewesen – für sie und für ihr Kind.

Als sie schließlich das Wasser abstellte und nach dem Handtuch griff, ahnte sie noch nicht, dass diese Nacht mehr verändern würde, als sie sich in diesem Moment vorstellen konnte.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber